Sitarschwierigkeiten

 
Einführung in die Sitar
Ueli Raz
   
start: 31 january 2007, up-date: 31 january 2007
 
 
Dieser Abschnitt ist gänzlich das Produkt der bloß zweijährigen Sitarerfahrung eines Europäers, der zu Indien sich bislang nur träumerisch, zur abendländischen Musik hingegen wohlinformiert verhielt. Würde es zuwege gebracht, dass auch nur eine der nicht wenigen Sitars, die in einem Koffer oder an eine Wand gestellt ein öde-staubiges Dasein fristen, zu neuem Leben erweckt wird, wäre sein Zweck erfüllt. Denn es scheint, dass es weniger an der Musikalität oder am Verständniswillen für eine Musik aus der Fremde liegt, wenn Sitarneulinge sich ob der Schwierigkeiten entmutigen lassen, als an recht trivialen Stolpersteinen, die mit nur wenigen Informationen sich schon aus dem Weg räumen lassen. (1)
Welche Materialen werden vorausgesetzt?
° Ein Stimmgerät für ca. hundert Franken verhindert bei der Saitenmontage nervenaufreibendes Zerreißen (es tut einem jedesmal fürs Instrument Leid, nicht wegen der markttechnisch diffizilen Saitensuche). Sind die Saiten einmal richtig gespannt, verstimmen sie sich nicht besonders schnell, sofern die Raumtemperatur nicht zu stark zwischen Hitze und Kälte hin- und herschwankt. Für die genaue Stimmung ist das Gerät nicht unbedingt notwendig, da die Quarten und Quinten mit den Flageolett-Tönen leicht gefunden werden. Will man für jeden Raga aber die Stimmung ausprobieren, die Daniélou aufgezeichnet hat, ist das Gerät nötig. Es müssen dann sowohl die Resonanzsaiten wie die Bünde exakt aufeinander abgestimmt werden. Die Erfahrung des Ohres mit diesen speziellen Intervallen ist recht aufregend.
° Bei der Montage der Resonanzsaiten wird als Fanginstrument fürs Innere des Halses eine gewöhnliche Häckchennadel aus dem Warenhaus benötigt. Wenn die Saite von oben genügend tief ins Löchlein gestoßen wird, kann sie mit der Nadel von der Seite her herausgefischt werden. Jetzt wird sie außerhalb des Halses von oben durch den Wirbel gestoßen, dies einmal wiederholt und dann der Rest der Saite abgeschnitten. Bei den Seitenwirbeln der Resonanzsaiten sollten die Drähte möglichst kurz gehalten werden, weil bei zu starker Aufwicklung wegen der Schwäche des Zuges die Spannung zu schwanken beginnt.
° Die Beißzange, die die Saiten schneidet, heißt im Warenhaus Seitenschneider.
° Da bei den Wirbeln Holz in Holz geklemmt wird, kommt es oft zu schlechten Verspannungen. Diese werden umgangen, indem die Wirbel mit Schlemmkreide eingerieben werden. Man kauft dieses billige Mittel in sehr kleinen Mengen in der Drogerie.
° Die Spielsaite wird jeden Tag mindestens einmal mit etwas Motorenöl kontaktiert, direkt mit den Fingern oder mit Watte. Gleichzeitig müssen die Bünde auf der Seite der Spielsaite von Öl und Schweiß mit frischer Watte oder trockenen Fingern gereinigt werden.
° Von den Mizrabs, dem Plektrum aus Klavierdraht, sollten möglichst viele verschiedene Modelle zur Verfügung stehen, da sie für den Gesamtklang in erstaunlicher Weise entscheidend sind.
° Wie der Knochen des Stegs gefeilt werden muss (djovari), wird von Thomas Marcotty in Junius (1974) beschrieben. Die benötigten Feilen sind sehr klein und in Hobbygeschäften erhältlich; sie sind eher zu empfehlen als Schleif- bzw. Sandpapier.
° Da es äußerst schwierig ist, den Steg für jede Saite einzeln optimal zu schleifen, kann mit Fischhaut aus dem Musikgeschäft (ausreichend viel für fünfzehn Franken) und für die zwei tiefsten Saiten mit gewöhnlichem Faden wie bei der Tamboura nachgeholfen werden. Die Haut kann ebenso wirkungsvoll beim oberen Steg unterlegt werden.
° Der Saitenkauf ist recht heikel. Als fertige Sätze gibt es die amerikanischen LaBella und die deutschen Pyramid. Die amerikanischen klingen sehr schön und laut, haben aber eine derart dicke Spielsaite, dass um das Instrument gebangt werden muss, wenn durch meend, das seitliche Ziehen, mehr als eine Terz erzielt werden soll. Umgekehrt sind die deutschen zwar passabel, ihre Spielsaite hinwiederum ist viel zu schwach, was zu einer gänzlich unstabilen Intonation führt. Das Ideal wären Saiten, die möglichst geschmeidig, also auf eine bestimmte Art weich, zugleich aber intonationsstabil sind. Bis jetzt wurden solche Saiten nur durch Zufall in Indien selbst gefunden. Eine praktikable Lösung bilden die Cembalo- bzw. Klavierdrähte, die meist aber nur in großer Quantität verkauft werden (wenn endlich die richtigen Saiten gefunden sind, spielt das natürlich keine Rolle mehr – aber vorher… ): 0,20 mm für die Resonanzsaiten und die zwei Chikarisaiten auf sa; 0,22 mm für die erste Saite und die Chikarisaite auf pa; 0,33 mm für die zweite Saite; 0,4 mm für die dritte und 0,55 mm für die vierte Saite. Diese Saitendurchmesser sind nicht verbindlich, funktionieren aber zumindest bei einer Sitar passabel.
° Für die Saitenmontage bzw. -demontage sollte immer eine Brille aufgesetzt werden, da nur allzu schnell ein umherfederndes, sehr scharfes Ende ins Auge geht. Sind die alten Saiten demontiert, werden als erstes die Resonanzsaiten von der tiefsten bis zur höchsten montiert und ziemlich genau bis zu gewünschten Höhe gestimmt. Am Saitenende macht man eine Schlaufe mit einem Knopf und dreht das Reststück, ca. 1 cm möglichst oft um den Draht; erst nach Herstellung der Schlaufe, die selten ohne kleinere blutende Fingerstiche vonstatten geht, wird das Saitenende um den weißen Knopf am Instrumentenbauch gelegt. Nach den Resonanzsaiten wird die tiefste Saite aufgezogen, dann montiert man von unten nach oben die drei Chikarisaiten und wieder von unten nach oben die eigentlichen Spielsaiten. Das Prozedere kann schon mal fünf Stunden in Anspruch nehmen.
° Da die Bünde großem Druck widerstehen müssen und einige von ihnen des öfteren verschoben werden, können die Bundschnüre leicht reißen. Gerade die schönen Fäden, die dem edlen Instrument würdig wären, reißen schon bei der Montage. Nicht besonders schön ist der Fischrutengarn Extra Strong rose/silver, 0,35 mm/10,2 kgs – aber er ist elastisch genug, damit er einen Messingbund aufs Holz spannen lässt, und er ist sehr reißfest.
Mit den oben erwähnten Cembalostahl- und Bronzesaiten ist die Sitar gut klingend gestimmt, wenn der Grundton beim Stimmen in Querlage auf einem cis festgelegt wird; pa ist dann ein gis, die Spielsaite ma ein fis. Von oben nach unten hat man als erstes eine fis-Saite, eine nächsttiefere auf cis, noch tiefer eine auf gis und noch einmal tiefer wieder eine auf cis. Dann folgt eine Chikarisaite ein Ton höher als die Spielsaite, also gis, dann eine höher auf cis, schließlich eine noch eine Oktave höher, wiederum cis. Mit dem Stimmgerät lässt sich feststellen, dass die Sitars, wie man sie auf den Compact Discs zu hören bekommt, im Grundton von einem b bis zu einem d variieren.
Quer gestellt klingen wegen des schwächeren Saitenspannungszugs fast alle Saiten um ca. fünf Cent tiefer. Dies ist bei einem Zusammenspiel mit anderen Instrumenten, z. B. einer Tamboura, zu berücksichtigen. Die tiefste Saite, die besondere Mucken pflegt, lässt sich problemlos bei aufgestelltem Instrument stimmen, auch während des Spiels.
Die Resonanzsaiten ergeben normalerweise die stetig fallende Tonreihe des Ragas, die tiefsten drei Saiten bestehen mit einer Wechselnote ni aus zwei sa. Prioritär ist bei jeder Resonanzsaitenstimmung ein gutes Anspringen der Saiten auf einen mit der Spielsaite angeschlagenen Ton; dies ist vom Verhältnis der Länge zur Spannung abhängig. Folglich hat man sich vor einer Entmutigung zu hüten, wenn entweder die Resonanzsaiten wegen zu großer Spannung reißen oder sie einfach nicht klingen wollen. Es bleibt dann nichts anderes übrig, als mit der idealen Reihenfolge zu brechen und experimentell auszuprobieren, welche Saite bei welchem Ton am leichtesten den gewünschten Resonanzklang produziert.
Die Bünde sind wie folgt positioniert, wenn die Spielsaite ma ein fis ist: bis zum cis (sa) hat jeder Halbton einen eigenen Bund, dann kommt nur einer allein für zwei Halbtöne, dann wieder bis zum gis (pa) für jeden Halbton ein Bund, dann einer für zwei, dann drei für die drei Halbtöne bis zum hohen cis (sa), dann noch zwei Bünde für d, dis, e, eis. Falls auf der Sitar immer die gewöhnlichen, das heißt reinen Intervalle gespielt werden, müssen nur die Bünde für die Töne shuddha re und komal re, shuddha dha und komal dha sowie für re und ga im obersten Bereich jeweils neu positioniert werden. Die Lücken bieten den Vorteil, an bestimmten Stellen bequem den seitlichen Saitenzug zu spielen: meend.
Falls die Shrutis nach Daniélou gespielt werden, stimmt man zuerst die Resonanzsaiten, die wie die übrigen bei der Querstellung fünf Cent tiefer klingen, also mit dem Stimmgerät normal gestimmt werden können. Dann verschiebt man die Bünde und zupft die Spielsaite, bis jene von alleine erklingen. Manchmal müssen einzelne Bünde auch während des Spiels leicht verschoben werden.
Es kommt vor, dass überhaupt nichts stimmen will: man kontrolliert mit dem Stimmgerät die Resonanzsaiten und auch die Bünde – und dennoch stellt sich kein guter Klang ein. Möglicherweise muss zumindest die Spielsaite ausgewechselt werden. Meistens ist es aber so, dass die unpräzise Stimmung einer Bordunsaite, auf der vielleicht nicht einmal gespielt wird, die Misere produziert; denn das macht den großen Ton der Sitar, dass die vielen Saiten die Obertonproduktion verstärken, wenn sie selbst schon in einem solchen Verhältnis stehen. Man muss dann bei normal auf den linken Fuß aufgesetztem Instrument diese Saiten spielen und gleichzeitig vom Gehör her stimmen. Wenn die Sitar daraufhin wieder quer gestellt und mit dem Stimmgerät kontrolliert wird, wundert man sich, dass die Stimmung nicht schon von Anfang her so erfolgte. – Eine andere mögliche Ursache für schlechte Intonationen ist der Knochenstaub, der sich auf dem Steg unter den Saiten bildet; er wird ganz einfach von Zeit zu Zeit weggeblasen.
Falls die Bünde zwischen den kleinen Seitenwirbeln nicht so positioniert werden können, dass ohne zusätzliches seitliches Ziehen (meend) die Töne gegriffen werden können, ist der Steg falsch geschliffen oder sogar in seiner Position verschoben. Die Saite muss relativ weit hinten auf den Knochen aufliegen. Zu feilen (djovari) hat man meist nur die vordere Hälfte des Stegs.
Da die Bünde und der Steg nicht gut schräg gestellt werden können, besteht die Feineinstellung aller Saiten, die nicht nur leer als Bordun erklingen, eben im Feilen des Stegs. Wenn die Töne der zweiten Saite zu hoch sind, muss der Steg bei dieser Stelle von hinten bis vorne abgefeilt und erniedrigt werden, sodann im vorderen Teil so weit kunstvoll geschliffen, dass die Saite bei möglichst allen gespielten Tönen mit möglichst vielen Obertönen erklingt.
Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich beim Djovari, dem Feilen des Stegs als dem Lebensatem des Instruments dadurch, dass es beim Wechsel auf eine neue Saitenqualität gänzlich unvorhersehbar reagiert. Das Provisorium ist ihm wie allem Lebendigen eigentümlich.
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1) Weiß der Teufel, aber in dieser kalten Stadt ist ein Sitar-Baby schon den Fäusten seines Peinigers auf der Aare davongeschwommen.