Der Alap

 
Einführung in die Sitar
Ueli Raz
   
start: 25 january 2007, up-date: 25 january 2007
 
 
Der Alap existiert in drei Varianten, von denen die zweite und dritte in der südindischen Musik wenig verbreitet sind. Aber auch für die hindustanische gilt, dass die Grenzen zwischen den Typen als extrem fließend zu betrachten sind.
1) Im Alap wird das Material des Ragas präsentiert. Im geringsten Fall, dem manchmal auch ein besonderer Name zukommt, wird nur die Tonreihe hinauf und hinunter vorgetragen, was musikalisch bereits informativ wirkt, da in der einen Richtung, normalerweise in der aufsteigenden, bei den meisten Ragas einer oder mehrere Töne entweder nicht oder dann alteriert (diatonisch oder mikrotonisch) und je nach Richtung öfters Töne nur in besonderen Wendungen gespielt werden. Gewöhnlich dauert diese Präsentation, die auch die ragatypischen Motive und Phrasen zu erkennen geben soll, zwischen zwei und fünf Minuten. Sie steht jedesmal am Anfang eines „Stückes“, das überhaupt auf einem Raga fußt, mithin der Intention nach klassisch sein will. (1) Zu den genannten Strukturmerkmalen eines Ragas gehören noch die Haupttöne und diejenigen, mit denen Melodien beginnen oder enden. Diese Töne, die mit dem Grundton und der Quint, also den permanent erklingenden Borduntönen konkurrieren, sofern sie mit ihnen nicht identisch sind, bilden den Grund dafür, dass man beim Raga nur schwerlich von einem Modus sprechen kann: sein Beziehungsgefüge hat mehrere Zentren. Es existieren deswegen auch keine Melodien in einem eigentlichen Dur, Moll, Phrygisch, Dorisch oder Lydisch, wenn auch gerade die Tönen dieser Reihen zum Einsatz kommen.
2) Bei einer Konzertaufführung ist der erste Alap sehr lang, bis zur Überschreitung einer halben Stunde.
 
3) Der Alap kann auch als eigenständiges Stück gespielt werden; dann ist seine zeitliche Dauer musiktheoretisch kaum eingrenzbar.
Die Abläufe der zwei letzteren Alapformen sind nicht allgemeinen strengen Regeln unterworfen. Als Prinzipien gelten, dass die Shrutis des Ragas ohne Intonationsschwankungen vorgeführt werden, indem von der mittleren Oktave ausgehend schrittweise zuerst der obere Tetrachord, dann der tiefere, dann beide zusammen, dann die obere Oktave und schließlich die unterste vorgeführt werden. (Das Sitarspiel ist in der tiefsten Oktave sehr schwierig; viele Konzertvirtuosen meiden das, worin Ravi Shankar als herausragender Meister gilt.) Dazu gehört, dass auch die verschiedenen Spieltechniken wie in einem Katalog aufgelistet werden. (2) Die Pointe ist, dass sich ein Universum öffnen soll, dessen Tonbilder gleich stabil bleiben wie diejenigen der Sterne. Da der Schlussteil des Alaps – der Abhog – oft in stupender Virtuosität gipfelt, ist er bereits metrisiert, wenn auch noch nicht in einem definierten Metrum (Tala) und noch ohne Tablabegleitung; er bildet den Übergang zu den Kompositionen.
Ungleich den falschen Vorstellungen ist die musikalische Verwirklichung eines Alaps äußerst schwierig, da die saubere Intonation absolute Beherrschung des Instruments voraussetzt und im stetig erfinderischen Fortgang des Spiels – der Entwicklung des Ragas – nicht auf vordergründig beeindruckende virtuose Tonreihungen zurückgegriffen werden kann. Beispielhaft für den zweiten Typus wäre Shahid Parvez, The Art of The Sitar, Seven Seas 1990 mit dem Raga Yaman und für den dritten die drei Alap-Einspielungen auf einer Doppel-CD Ustad Ali Akbar Khan Plays Alap – A Sarod Solo, Shri Rag, Pilu Baroowa, Ragini Iman Kalyan, Ammp 1993 und Zia Mohiuddin Dagar, Rudra Vina, Raga Yaman, Nimbus 1991.
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1) Es ist häufig, dass nach einem Alap mehrere „Stücke“ bzw. Kompositionen im selben Raga aufeinander folgen.
2) Solche Kataloge enthält Miner (1993) fürs 19. Jahrhundert.