Bemerkung zur

europäischen Musik

 
Einführung in die Sitar
Ueli Raz
   
start: 16 january 2007, up-date: 16 january 2007
 
 
Die mehrstimmigen Musikformen des europäischen Mittelalters können als Effekt der notierten Organum-Praxis gesehen werden, in der ein dem Sprachduktus folgender Kirchengesang Ton für Ton im Abstand einer darunterliegenden Quarte oder Quinte mit einer zweiten Stimme „begleitet“ wird. Die sukzessive durch kühne Konstruktionen ausgebauten Polyphonien erfahren spätestens Ende des 15. Jahrhunderts eine Irritation, indem die Komponisten neben den kirchlich obligaten polyphonen auch homophone Stücke zu schreiben beginnen (religiöse und weltliche), in denen Akkordinstrumente, insbesondere die Laute, ihre Spuren hinterlassen, ganz deutlich die einer einfachen Kadenzharmonik. Im Verlauf von nicht weniger als zwei Jahrhunderten wird das modale Tonsystem von der Tonalität verdrängt. Zu den Formgesetzen der klassisch-romantischen europäischen Kunstmusik gehören dann
1) eine Rhythmik, die der Einfachheit der Schrittfolgen der kollektiven Tänze bzw. den Versformen der griechisch-römischen Antike Genüge tut
2) eine Melodik, die sich sowohl den Rhythmen wie der tonalen Harmonik unterordnet
3) ein Motivbau und eine Motivverarbeitung, die den Melodiethemen normalerweise nichts hinzufügen
4) eine dialektische Themenvariabilität, die die Oppositionspaare Vorder- & Nachsatz, hinauf- & herabsteigende Linie, schnelle & und langsame bzw. akzentuierte & ausgehaltene Töne etc. bis in die letzten Zellen hinein favorisiert.
Die Formen selbst, Fuge, Lied, Tanz, Sonatensatzform und Variationensatz werden zu dem Zeitpunkt fragwürdig, da die Herrschaftsformen der Tonbezüge in der Tonalität durch den Serialismus außer Kraft gesetzt werden. In dieser Musik heute müssen nicht nur die Tonverhältnisse praktisch bei jedem Stück von neuem festgelegt werden, sondern desgleichen auch die Formen, die nun nicht mehr leicht erkennbar und definierbar erscheinen.