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| Die
mehrstimmigen Musikformen des europäischen Mittelalters können als Effekt
der notierten Organum-Praxis gesehen werden, in der ein dem Sprachduktus
folgender Kirchengesang Ton für Ton im Abstand einer darunterliegenden Quarte
oder Quinte mit einer zweiten Stimme „begleitet“ wird. Die sukzessive durch
kühne Konstruktionen ausgebauten Polyphonien erfahren spätestens Ende des
15. Jahrhunderts eine Irritation, indem die Komponisten neben den kirchlich
obligaten polyphonen auch homophone Stücke zu schreiben beginnen (religiöse
und weltliche), in denen Akkordinstrumente, insbesondere die Laute, ihre
Spuren hinterlassen, ganz deutlich die einer einfachen Kadenzharmonik. Im
Verlauf von nicht weniger als zwei Jahrhunderten wird das modale Tonsystem
von der Tonalität verdrängt. Zu den Formgesetzen der klassisch-romantischen
europäischen Kunstmusik gehören dann |
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| 1)
eine Rhythmik, die der Einfachheit der Schrittfolgen der kollektiven Tänze
bzw. den Versformen der griechisch-römischen Antike Genüge tut |
| 2)
eine Melodik, die sich sowohl den Rhythmen wie der tonalen Harmonik unterordnet
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| 3)
ein Motivbau und eine Motivverarbeitung, die den Melodiethemen normalerweise
nichts hinzufügen |
| 4)
eine dialektische Themenvariabilität, die die Oppositionspaare Vorder- &
Nachsatz, hinauf- & herabsteigende Linie, schnelle & und langsame bzw. akzentuierte
& ausgehaltene Töne etc. bis in die letzten Zellen hinein favorisiert. |
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| Die
Formen selbst, Fuge, Lied, Tanz, Sonatensatzform und Variationensatz werden
zu dem Zeitpunkt fragwürdig, da die Herrschaftsformen der Tonbezüge in der
Tonalität durch den Serialismus außer Kraft gesetzt werden. In dieser Musik
heute müssen nicht nur die Tonverhältnisse praktisch bei jedem Stück von
neuem festgelegt werden, sondern desgleichen auch die Formen, die nun nicht
mehr leicht erkennbar und definierbar erscheinen. |