Formabläufe

 
Einführung in die Sitar
Ueli Raz
   
start: 11 january 2007, up-date: 11 january 2007
 
 
Drei Momente erschweren das Begreifen der Formen der indischen Musik:
 
1) Die stolz praktizierte Versteifung auf den persönlichen Musikunterricht selbst auf derjenigen Ebene, wo es nur um die Einübung des Instruments geht, bewirkt eine irrationale Abweisung der Schrift sowohl im musikalisch-aufzeichnenden wie – und das zementiert die Irrationalität schlimmer – in den diskursiven, d. h. begrifflichen Bereichen der Musikgeschichte und Musikkritik.
 
2) Die indische Musik ist strikt auf den Grundton bezogen; es gibt kein Spiel, bei dem nicht auch die Tamboura mitklingen könnte. Ihre Saiten, die immer nur leer gespielt werden, sind auf den Grundton und die Dominante gestimmt, bei geeigneten Ragas auf die Quarte und bei solchen, die weder Quarte noch Quinte enthalten nur auf den Grundton, zuweilen mit der Septime (z. B. beim Raga Hindola). Fürs Sitarspiel sieht eine solche Bordunstimmung deswegen heikel aus, weil die Dominantsaiten nicht bis zur Septime gespannt werden können; in den fraglichen Fällen gilt es dann wohl, möglichst nur die Bordunsaiten des Grundtons anzuschlagen.
 
3) Da die Improvisation sehr streng als Interpretation des Ragas verstanden wird, der selbst sich als ein komplexes Gebilde mit einer kohärenten Gefühlsstruktur darstellt, sind die kleinen Formen sekundär, außer diejenigen Wendungen und Phrasen, die wesentlich zum betreffenden Raga gehören. Doch welche das sind, ist wegen der Schriftfeindlichkeit nur schwer zu entscheiden: es kann von einer Autoritätsperson immer gesagt werden, eine improvisierte Wendung sei deplaziert zum Einsatz gekommen.
 
Trotz diesen Schwierigkeiten lässt sich ein praktikables Formverständnis gewinnen, wenn die indische Musik der europäischen und der arabischen gegenübergestellt wird.