Der theoretisch vermittelte

empirische Ansatz

 
Einführung in die Sitar
Ueli Raz
   
start: 02 july 2006, up-date: 02 july 2006
 
Bei diesem Ansatz, der sich an Daniélou (1991a) mit seinen ominösen 66 Shrutis innerhalb einer Oktave orientiert, zielt alles daraufhin, die Mikrointervalle so zu begreifen, dass ihre Abstände zueinander identisch werden (die 22 gebräuchlichen Shrutis sind physikalisch verschieden groß, werden aber als Einheit betrachtet – nach dem ersten Vorgehen ist ein Raga, in dem alle 22 gespielt würden, unmöglich, nach dem zweiten wäre er theoretisch denkbar). Würde man im ersten Ansatz besser von Heterotönen sprechen (Strangways 1914, p. 127, Anm.), so ist hier der steife Begriff der Mikrotöne durchaus am Platz. Sein Zweck besteht darin, die Unterschiedlichkeit der praktizierten Shrutis notierbar und von einem theoretischen Tonsystem herleitbar und so verständlich zu machen. Daniélous Konstruktion einer Skala von 66 Shrutis beruft sich auf den antiken Autor Kohala aus dem 1. Jh. n. Chr., bei dem von 66 Shrutis die Rede ist, der jedoch keine Systematisierung präsentiert. Über den Verdacht eines Missverständnisses, das die Shrutianzahl innerhalb des gewöhnlichen Tonumfangs von drei Oktaven übersieht, schreibt der Autor, der lange Zeit als Director of the International Institute of Comparative Music Studies and Documentation in Berlin wirkte: „It has been suggested that the sixty-six intervals of Kohala may refer to the twenty-two shruti-s in three octaves. But this is not usually accepted.“ (Daniélou 1991a, p. 30)
Je nach Stimmung – rein, pythagoreisch oder temperiert – ergeben sich Fehler, die genügend groß sind, dass sie begrifflich bestimmt werden können. Seit Pythagoras heißen sie Komma, sind aber wie gesagt je nach Vorgehen verschieden groß. Bei Daniélou beträgt ein Komma ohne nähere Begründung 20 Cent. Zu diesen ist zu sagen, dass sie erstens abgerundet sind und zweitens aus einer Terzberechnung stammen, also eigentlich nicht mit Pythagoras in Verbindung gebracht werden sollten. (15)
Hat man die durch Quinten à la Pythagoras festgelegten 12 Töne, so werden im Abstand eines Kommas zu allen noch zwei nach oben und zwei nach unten hinzugefügt. Der Abstand zwischen der höchsten Variante eine Halbtones und der tiefsten eines nächsthöheren nennt Daniélou „disjunction“, dessen Größe er mit 32 Cent angibt und der, wenn halbiert, den Viertelton zwischen zwei Halbtönen bestimmt. Mit diesen Vierteltönen, die keine praktische Funktion haben, käme man 6 mal 12 auf 72 Mikrointervalle. Doch werden ohne Erläuterungen nicht alle Halbtöne mit derselben Anzahl von Kommatas angereichert. Die Ausnahmen sind folgende: des nur einmal erhöht, es nur einmal erhöht wie erniedrigt, fis nur einmal erhöht, as nur einmal erhöht wie erniedrigt, b nur einmal erhöht. 72 minus 7 gibt 65, und wenn der letzte Ton doppelt gezählt wird (als 1:1 und als 1:2), erreicht man die vom Autor postulierte Zahl der 66 Shrutis in einer Oktave.
Der Vorzug dieser Festlegung besteht darin, dass man sich nun überhaupt ein Bild der Tonverhältnisse machen kann, was beim ersten Ansatz ohne rettende Lehrperson nicht möglich ist. Zudem sind die so bestimmten Töne nachvollziehbar, jedenfalls dann, wenn die Ragas in der Notation sei es von Daniélou, sei es in der unten gefolgten Form in Abschnitt 5 vergegenwärtigt werden. (16)
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15) Es ist bedauerlich, dass gerade bei diesen scholastisch-spitzfindigen Angelegenheiten begrifflich geschummelt wird. Das pythagoreische Komma beträgt 23,46 Cent, das syntonische oder diatonische 21,506 Cent; Daniélou rundet sein Komma auf 20 Cent ab, stellt Berechnungen an für 21,506 Cent und nennt das Ganze pythagoreisch.
16) Auch mit dem elektronischen Hilfsgerät lässt sich die Sitar nicht auf mehr als 2 bis 5 Cent genau stimmen; aber das ist schon viel, und die Ragas werden in der Tat viel intensiver, wenn die präzisierten Shrutis gewählt werden als die Halbtöne mit arbiträren Variationen. Es erscheinen die Festlegungen Daniélous keineswegs falsch, nur theoretisch nicht gänzlich nachvollziehbar, was bloß zum Teil dem schlecht überwachten Druck zugeschrieben werden kann.