| Bei
diesem Ansatz, der sich an Daniélou (1991a) mit seinen ominösen 66 Shrutis
innerhalb einer Oktave orientiert, zielt alles daraufhin, die Mikrointervalle
so zu begreifen, dass ihre Abstände zueinander identisch werden (die 22
gebräuchlichen Shrutis sind physikalisch verschieden groß, werden aber als
Einheit betrachtet – nach dem ersten Vorgehen ist ein Raga, in dem alle
22 gespielt würden, unmöglich, nach dem zweiten wäre er theoretisch denkbar).
Würde man im ersten Ansatz besser von Heterotönen sprechen (Strangways 1914,
p. 127, Anm.), so ist hier der steife Begriff der Mikrotöne durchaus am
Platz. Sein Zweck besteht darin, die Unterschiedlichkeit der praktizierten
Shrutis notierbar und von einem theoretischen Tonsystem herleitbar und so
verständlich zu machen. Daniélous Konstruktion einer Skala von 66 Shrutis
beruft sich auf den antiken Autor Kohala aus dem 1. Jh. n. Chr., bei dem
von 66 Shrutis die Rede ist, der jedoch keine Systematisierung präsentiert.
Über den Verdacht eines Missverständnisses, das die Shrutianzahl innerhalb
des gewöhnlichen Tonumfangs von drei Oktaven übersieht, schreibt der Autor,
der lange Zeit als Director of the International Institute of Comparative
Music Studies and Documentation in Berlin wirkte: „It has been suggested
that the sixty-six intervals of Kohala may refer to the twenty-two shruti-s
in three octaves. But this is not usually accepted.“ (Daniélou 1991a, p.
30) |
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| Je
nach Stimmung – rein, pythagoreisch oder temperiert – ergeben sich Fehler,
die genügend groß sind, dass sie begrifflich bestimmt werden können. Seit
Pythagoras heißen sie Komma, sind aber wie gesagt je nach Vorgehen verschieden
groß. Bei Daniélou beträgt ein Komma ohne nähere Begründung 20 Cent. Zu
diesen ist zu sagen, dass sie erstens abgerundet sind und zweitens aus einer
Terzberechnung stammen, also eigentlich nicht mit Pythagoras in Verbindung
gebracht werden sollten. (15) |
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| Hat
man die durch Quinten à la Pythagoras festgelegten 12 Töne, so werden im
Abstand eines Kommas zu allen noch zwei nach oben und zwei nach unten hinzugefügt.
Der Abstand zwischen der höchsten Variante eine Halbtones und der tiefsten
eines nächsthöheren nennt Daniélou „disjunction“, dessen Größe er mit 32
Cent angibt und der, wenn halbiert, den Viertelton zwischen zwei Halbtönen
bestimmt. Mit diesen Vierteltönen, die keine praktische Funktion haben,
käme man 6 mal 12 auf 72 Mikrointervalle. Doch werden ohne Erläuterungen
nicht alle Halbtöne mit derselben Anzahl von Kommatas angereichert. Die
Ausnahmen sind folgende: des nur einmal erhöht, es nur einmal erhöht wie
erniedrigt, fis nur einmal erhöht, as nur einmal erhöht wie erniedrigt,
b nur einmal erhöht. 72 minus 7 gibt 65, und wenn der letzte Ton doppelt
gezählt wird (als 1:1 und als 1:2), erreicht man die vom Autor postulierte
Zahl der 66 Shrutis in einer Oktave. |
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| Der
Vorzug dieser Festlegung besteht darin, dass man sich nun überhaupt ein
Bild der Tonverhältnisse machen kann, was beim ersten Ansatz ohne rettende
Lehrperson nicht möglich ist. Zudem sind die so bestimmten Töne nachvollziehbar,
jedenfalls dann, wenn die Ragas in der Notation sei es von Daniélou, sei
es in der unten gefolgten Form in Abschnitt 5 vergegenwärtigt werden. (16) |
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| 15)
Es ist bedauerlich, dass gerade bei diesen scholastisch-spitzfindigen Angelegenheiten
begrifflich geschummelt wird. Das pythagoreische Komma beträgt 23,46 Cent,
das syntonische oder diatonische 21,506 Cent; Daniélou rundet sein Komma
auf 20 Cent ab, stellt Berechnungen an für 21,506 Cent und nennt das Ganze
pythagoreisch. |
| 16)
Auch mit dem elektronischen Hilfsgerät lässt sich die Sitar nicht auf mehr
als 2 bis 5 Cent genau stimmen; aber das ist schon viel, und die Ragas werden
in der Tat viel intensiver, wenn die präzisierten Shrutis gewählt werden
als die Halbtöne mit arbiträren Variationen. Es erscheinen die Festlegungen
Daniélous keineswegs falsch, nur theoretisch nicht gänzlich nachvollziehbar,
was bloß zum Teil dem schlecht überwachten Druck zugeschrieben werden kann. |