Die indische

Musik als System

 
Einführung in die Sitar
Ueli Raz
   
start: 23 june 2006, up-date: 23 june 2006
 
Trotz des allgemeinen ethnomusikalischen Verständnisses der praktizierten Stimmungen bleiben vor einem ähnlichen Fragehorizont noch viele Reststücke, insbesondere wie nämlich das Verhältnis des unendlich feinen Tonkontinuums zu den Intervallen als bloßen Ereignissen innerhalb oder außerhalb seiner Struktur zu begreifen sei, wie also in den einzelnen Kulturen über das Tonsystem tatsächlich entschieden wird.

Die transkontinentale, global verbreitete Musikphilosophie ist durch die physikalische Tatsache gebannt, dass es Intervalle gibt, die als rein empfunden werden; ihr Längenverhältnis lässt sich durch einen Bruch darstellen, dessen Nenner kleiner als Zehn ist. (1) Diese unumstößliche Tatsache hat den ideologisch-mythischen Effekt im Gefolge, dass phänomenologisch das Thema der Intervalle die nicht weniger wichtige Frage beherrscht und ihr Erscheinen gänzlich niederdrückt, wie es denn zu verstehen sei, dass in der Natur ein Kontinuum von Tönen besteht, aus dem die Intervalle – die einzelnen Töne der musikalischen Künste – nur Ereignisse sind. Das Besondere und Katastrophische am Systematisieren der Tonintervalle besteht darin, dass es dann, wenn seine Realisierung gelingt, jeden Blick auf die Entwicklungsmöglichkeiten von Klangkombinationen und die bereits gepflegten musikalischen Formen verstellt. Diese Schwierigkeit, die recht eigentlich als Antinomie auftritt, ist bei den antiken Griechen gleich beobachtbar wie bei Stockhausen, bei den Produzenten von Computermusik und eben auch bei den Theoretikern der indischen Musik.

Deshalb dürfen die philosophisch-theoretischen Erwartungen gegenüber dem indischen Tonsystem nicht zu hoch gesetzt werden. Denn wenn eine seiner Bedeutungen auch darin besteht, die nichttemperierten Welten, die das europäische weggeschnitten hatte, immer neu entdecken zu lassen, so liegt eben doch eine spezifische Struktur der Intervallverhältnisse vor, die das ganze System prägt, und sie lässt sich nicht verändern, ohne dass das ganze sinnlos würde. Man darf sich nicht täuschen über den archaischen und unflexiblen Charakter des Tonsystems, wenn auch umgekehrt die Fragen darüber an Aktualität nichts einbüßen, ob eine Entwicklung der Kunstmusik durch Komponisten aus fremden Kulturen möglich sei. Es ist nicht dasselbe, in der Bestimmung der geschichtsphilosophischen Grenze der Zeitgenössischen Kunstmusik auf die Realität außereuropäischer Musik zu stoßen, andererseits aus dieser selbst bereits Entwicklungstendenzen ableiten zu können. Aus der Perspektive der Geschichtsphilosophie haben fremde Musiksysteme eine große Entwicklungschance, aus der Perspektive der internen Beschreibung haben sie keine, weil der Ansatz ihrer Theorie, in deren Zentrum die reinen Intervalle stehen, kein kritisches Bewusstsein musikalischen Formen gegenüber zulässt. (2)
Es gilt also die Intervalle zu betrachten, im Bewusstsein, dass dieser Blick schon dadurch etwas Falsches bewirkt, dass er die Ebene der musikalischen Formen unerreichbar werden lässt (europäische Musik versteht nur, wer exemplarisch den Zusammenhang zwischen einem Kinderlied und der Sonatensatzform ins Auge fasst). Ganz in den Hintergrund gedrängt werden desgleichen in diesem Einleitungsabschnitt Fragen, die durch die Trägheit der Geschichte bedingt sind, also etwa die nach dem Primat von auf- oder absteigender Linie (Aroha/Avaroha), nach der Isolierbarkeit von Tetrachorden (als erster Tetrachord Poorvang c—f, als zweiter Uttarang g—c'), Fragen des Tonumfangs (1 Oktave bis 3 Oktaven in einem Stück) und der Tempi der Stücke einerseits, solche der phrasenhaften Tonverknüpfungen andererseits.

Das einfachste Verhältnis ist der Grundton und die Oktave (sa (3)); der Ton der höheren Oktave schwingt mit der doppelten Frequenz, also mit der doppelten Menge an Schwingungseinheiten. Das bedeutet, dass das, was in der einen Oktave geschieht, musikalisch identisch bleibt, wenn es in einer anderen geschieht – nur dann, wenn es die musikalische Intention ermöglicht, erhalten Ereignisse in verschiedenen Lagen eine unterschiedliche Bedeutung. (4) Ebenso eindeutig sind die Quint (pa) und die Quart (ma).

Die Qualität dieser Intervalle, die darin sich ausdrückt, dass sie sowohl leicht zu hören wie auch mathematisch leicht zu formulieren sind, hat in allen Erdteilen dazu verführt, musikalische Gegebenheiten (technische, ästhetische) auf sie zurückzuführen oder durch sie zu verhindern (formbildende (5)). Man hat bei dieser exponierten Frage der Kunst ein Beispiel dafür, wie nah das Denken dem mythischen Bann der Natur ausgeliefert ist, indem es dem scheinbar Natürlichen gehörig bleibt. Das künstlerische Ausprobieren von anderen Tonverhältnissen hat sehr schnell den Charakter des Ausbruchsversuchs aus dem mythologischen Denken, der in Gesellschaften, die keine Idee von Entwicklung dulden, als gesellschaftlicher Normenverstoß geahndet werden muss.
Folgt man Pythagoras und bestimmt die Intervalle der Oktave durch Quinten, so entsteht am Schluss eine gänzlich falsche, begrifflich die „Wolfsquinte“ (sie kommt da zu liegen, wo die aufsteigenden Quinten auf die fallend gelegten treffen, normalerweise bei des—as oder as—es), deren Töne auch in einzelnen Kombinationen mit anderen nicht gespielt werden können, wenn nicht die ganze Musik falsch werden soll. Doch ist diese Stimmung tragbar, wenn die Tonarten nah bei C-Dur liegen, also nur wenige Vorzeichen aufweisen und harmonisch nicht in die Region der Wolfsquinte modulieren. Die großen Terzen klingen hier vielleicht (6) nicht besonders schön; daraus abzuleiten, dass dies der Grund dafür wäre, dass eine Entwicklung in außereuropäischer Musik verunmöglicht wurde, ist deshalb falsch, weil im praktischen Gesang sowieso die Intervalle nicht mathematisch, sondern harmonisch angepasst realisiert erklingen (der Grund der Entwicklungshemmung liegt in der partikularen Rationalität des Mythos, und man muss sie trotz aller Ethnozentrismusgefahr benennen).

In Indien wurden die einzelnen Intervalle nie zensuriert, wie das in China, Korea und Japan der Fall war, die in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends n. Chr. die Pentatonik durch Staatsentscheide favorisierten und den Halbton verpönten. Die Lösung scheint darin bestanden zu haben, dass der einzelne Raga in sich geschlossen ein einzelnes ganzes Tonsystem zum Ausdruck bringen solle. (7) Zwar bleiben die Quarten und Quinten immer rein und dürfen nie anders gestimmt werden (Ausnahmen gibt es); aber in einem Stück kann es sein, dass gerade diese Intervalle eine ganz bedeutungsschwache Funktion haben, wodurch die Sekunden (re), Terzen (ga), Sexten (dha) und Septimen (ni) um so individueller werden. Sogar der europäische Diabolus in musica, der Tritonus (tivra ma) kann, wie im Raga Yaman, zentral sein, der in keiner Weise mathematisch ein einfaches Verhältnis auszudrücken vermöchte. (8)
Doch hat solche „Liberalität“ zur Konsequenz, dass das einheitliche System in so viele Systeme zerfällt, wie es Ragas gibt; dies wird durch die ästhetische Tatsache gefördert, dass ein Raga kein objektives Kunstwerk sein soll, sondern etwas wie ein soziales bzw. kommunikatives Ereignis, an dem das Publikum gerade so wichtig sinnhaft-kausal teilhat wie die interpretierenden KünstlerInnen. Gesellschaftspolitisch kommt das heute dadurch zum Ausdruck, dass ernsthaft gestritten wird, ob das Erbe schriftlich kodifiziert werden soll bzw. es nicht werden dürfe. (9)

Ohne sich im Gestrüpp der mehr schlecht als recht überlieferten Musiktheorien zu verheddern, können zwei Ansätze auseinandergehalten werden, die beide die indische Musik in ihrer Spezifität beschreiben. Der eine ist dominierend seit vorchristlicher Zeit, der zweite spätestens seit dem 16. Jahrhundert, durch die „offensichtliche Übernahme der durch arabische Theoretiker rezipierten pythagoreischen Stimmung“ (Zimmermann 1984, p. 260).
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1) Exakte Intervalle entstehen entweder durch Überblasen einer quantitativ bestimmbaren Luftsäule oder durch das Vibrierenlassen einer in der Länge messbaren Saite; im strengen Sinne gibt es nur wenige Arten musikalischer Instrumente: zwei.
2) Musikalische Formen gibt es nur da, wo die Musik Sprachcharakter aufweist (in Adornos Sinn als urteilslose Synthesis). Dieser entsteht unter anderem durch Ausdruckshaftigkeit und durch Kadenzierung. Erstere wird in der archaischen Ästhetik verboten – in China soll die Stimme nicht menschlich klingen, in Indien soll der Raga meditativ eingefangen werden, im europäischen Mittelalter soll die menschliche Schöpfungskraft nicht sich mit dem Schöpfer messen usw. – letztere durch bewusste Techniken sabotiert: wie es in der Polyphonie den Satz gibt vom Vermeiden der Kadenzen („fugir le cadenze“), so gibt es in der indischen Musik die implizite Anweisung, die Leittonhaftigkeit der Töne zu vermeiden, die je nach Raga in ganz unterschiedlichen Wirkungszusammenhängen aufzutreten droht (man sagt dann, der Charakter der Töne bestünde nicht darin, wohin sie streben, sondern woher sie kommen).
3) Die indischen Tonnamen sa re ga ma pa dha ni sind identisch mit den Solmisationsnamen do re mi fa so la ti.
4) In einem Alap sind die Lagen sehr wichtig, damit die Intervalle um so bedeutungsgeladener, „meditations-signifikanter“ hervortreten, und sie sind es in komplexen europäischen Orchesterstücken.
5) Der Zusammenhang zwischen der Fixierung der Intervalle durch das Verhaftetsein im Mythos und der Verhinderung der Entfaltung von Formen ist äußerst wichtig zu nehmen.
6) Der unten von Daniélou (1991a) übernommene Raga Yaman ist im Gegensatz zum Raga Yaman-Kalyan gänzlich pythagoreisch; sein Zentralton ist eben die große pythagoreische Terz, und er klingt alles andere als getrübt, unrein oder sonstwie unschön.
7) Das wäre ein nominalistisches Verständnis der Raga-Musik, dem ein naturalistisches entgegenstehen könnte, das von einem konsistenten und geschlossenen Tonsystem ausgehen würde. Es gibt Aspekte, die nur in einer nominalistischen Lesart artikuliert werden können; dennoch lässt diese sich nicht bruchlos aufrechterhalten, und zwar aus dem Grunde, weil die indische Musik nicht strikte zwischen ernsthafter und leichter unterscheidet.
8) Die religiös-spektakuläre Bezeichnung erhielt das Intervall deswegen, weil es in der altgriechischen Musik benutzt wurde und deshalb die Kirchenästhetiker an Heidnisches erinnerte.
9) Auf einer einfacheren, technischen Ebene betrifft der Streitpunkt nur die Frage, ob diese Art von improvisierender Deutung nicht auf das strenge Lehrer-Schüler Verhältnis angewiesen ist, wenn nicht wegen der finanziellen Abhängigkeit und dem Einfluss der Kulturindustrie solche schlechten Musikpraktiken weiter gefördert werden sollen, wie sie auch in Indien schon weit verbreitet sind (was in Texten schon des 19. Jh. beklagt wird). Der Streit ist nichts Harmloses, wenn man bedenkt, dass es auch in unserer Musikkultur bei Lichte gesehen nur wenige gute Musiker und Orchester gibt, obwohl der Durchschnitt keineswegs schlecht ist. Für extraordinäre Kreationen darf ruhig alles unternommen werden, auch wenn der zuweilen praktizierte Mystizismus fragwürdig ist, der dann auftritt, wenn Kunst als Ereignis verstanden wird und sich nicht der Idee des gebildeten, durchgebildeten Werkes verpflichtet sieht. (Zur Frage der Schriftlichkeit gehört auch die nicht weniger bedeutsame der technischen Reproduzierbarkeit: identisch wiederholte Raga-Rasa-Interpretation zerfällt zum didaktischen Exempel.) – Stellungnahmen zum Streit liegen nicht vor, sind u. U. in Indien gar nicht zu erwarten.