Musikalische Stimmungen

 
Einführung in die Sitar
Ueli Raz
   
start: 27 may 2006, up-date: 27 may 2006
 
 
Daß die Elemente der Musik definiert werden, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Entdeckung bzw. Erfindung wie diejenigen des Feuers und des Rades. Kalte Gesellschaften (Lévi-Strauss), die durch Potlatch-ähnliche Ökonomien soziale Gefälle zu vermeiden trachten, kennen sie vielleicht überhaupt nicht, weil ein solches Wissen an eine musikalische Instrumentalpraxis gebunden ist, die nur an Institutionen der gesellschaftlichen Vermögensverwaltung mit einer akkumulativen Stoßrichtung hat kultiviert werden können. Umgekehrt sind in den Feudalgesellschaften die Theorien über Musik alle gleich, also unabhängig spezifischer kultureller Ausprägungen. Was in dieser Einleitung bezüglich einer allgemeinen Musikethnologie bzw. gemäß neuer Sprachregelung Ethnomusikologie dargestellt wird, ist ein physikalisches Wissen, das sowohl in der griechischen Antike wie in Indien und China in gleicher Weise diskutiert wurde. Die grundlegende Beobachtung betrifft den Zusammenhang zwischen den Schritten von einem Ton zu anderen Tönen – den Intervallen – und allgemeinen, d. h. mathematischen Proportionen.
Bei einem Monochord, das man sich gedanklich gut selbst vorstellen kann, wird eine Saite über zwei kantige Erhöhungen gespannt, die hier der Einfachheit wegen im Abstand von einem Meter positioniert sind; wird die Saite angezupft, ergibt das einen gewissen Ton, den man nun, damit die geläufige Musiksprache eingesetzt werden kann, mittels Saitenspannung bei einem C einstimmt. Wird die Saite genau in der Mitte niedergedrückt, entweder mit einem Finger bis zum Boden oder wie beim bottle-neck-Spiel der Gitarre mit einem harten Gegenstand (Flaschenhals, Schraubenzieher o. ä.), erklingt sie höher, im Vergleich mit anderen Tönen aber, die man auf dieselbe Weise produziert, qualitativ fast genau so wie die leere Saite. Die Feststellung des allgemeinen Zusammenhangs der Intervalle mit Proportionen und die der Besonderheit einiger Intervalle gegenüber anderen gehören aufs engste zueinander. Der neue Ton wird wiederum c genannt, jetzt klein geschrieben (das ist eine Konvention in der Notation, keine Erkenntnis). Er bildet die Oktave zum ersten, und mathematisch wird dieses Intervall mit
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wiedergegeben: wenn der neue Ton auf der Saite in einer gewissen Länge gemessen wird, so hat der Ausgangston die doppelte, hier also zwei mal 50 cm.

Ein anderes, qualitativ ebenso herausragendes Intervall, das auch von eher unmusikalischen Menschen leicht gesungen werden kann, ist die Quinte; sie liegt zwischen den beiden Oktavtönen, aber keineswegs exakt in der Mitte. (1) Wird die Proportion gemessen, findet man die Verhältniszahl

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die erklingende Saite ist 66, cm lang und heißt gemäß der Konvention G.
Etwas tiefer als die Quinte ist die Quarte positioniert, der Ton F. Die gemessene Saite ist 75 cm lang, im Verhältnis zur leeren Saite von einem Meter also
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Zugleich ist diese Quart auf verdeckte Weise wiederum eine Quint, diesmal nicht von der leeren Saite aus gemessen, sondern abwärts von der Oktave her. (2)
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1) Das ist eine sehr wichtige Beobachtung: es gibt keinen Bruch, der mit sich selbst multipliziert

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ergibt; es gibt auf diesem Feld der Beobachtung kein Intervall, das ein nächstgrößeres ergeben würde, wenn man es verdoppelte, genau gleich wie das räumliche Distanzbewußtsein nicht mit der Sicherheit eines Messintervalls aus der Nähe, also etwa einem Meter, die Anwendung eines anderen aus der Ferne, also etwa einem Kilometer, praktizieren kann.
2) Man sieht hier, wie mit Proportionen, die nicht als Teile eines Ganzen gelten, zu rechnen ist: bei der Addition werden die Brüche multipliziert, bei der Subtraktion dividiert. Wenn die Oktave minus die Quinte eine Quarte ergibt, wird wie folgt gerechnet:
1/2-2/3=1/2.3/2=3/4