Zur Interpretation

des Werkes

 
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von mag. dominik sedivy
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start: 27 december 2006, up-date: 27 december 2006
Abgesehen von Ansatz, in das Werk eine Dramaturgie hineinzuprojizieren, werden, bei Blume, häufiger aber bei Kirsch, beim Versuch einer Interpretation der Musik als direkte Bezugnahme auf den Text Kreuzigungsschläge, Zittern, Ausdruck körperlicher Peinigung, Anklänge an ein Jüngstes Gericht, etc. aus der Musik heraus- bzw. in sie hineingelesen. Es werden von den Autoren also musikalische Stellen gesucht, in denen die Musik dahingehend interpretiert werden könnte, daß sie da oder dort klangmalerisch auf die Szenerie im Text eingehen könnte. Nur gelegentlich wird eine heitere Wirkung der Musik Rossinis in diesem Werk als Vorwegnahme des Triumphes gedeutet.
 
In der Annahme eines bewußten Plans Rossinis, eine Diskrepanz zwischen Musik und Text zu schaffen - denn man könnte ihm freilich auch aus ästhetischen Gründen (vgl. etwa das Zitat von H.Kretzschmar, siehe Kap.III.) unterstellen, ihm wäre die entstandene Spannung mehr oder minder gleichgültig gewesen - könnte man den Musik-Text - Bezug auch viel universeller, also nicht bloß punktuell, als kontrapunktisch auffassen, nämlich im Sinne einer ernsthaften Ironie: Der oftmals fröhliche Charakter der Musik im Stabat Mater antizipiert die Auferstehung. Rossini als "homo, qui non fleret", (48) in freudiger Erwartung der Auferstehung Christi, ist über den Schmerz und das Unwissen der Mutter, die den für ewig tot Geglaubten im Arm hält, erhaben. Die jede Pein überstrahlende Überzeugung im unzerstörbaren Glauben an den kommenden Sieg Jesu über den Tod läßt den Schmerz oberflächlich, beinahe unglaubwürdig, erscheinen. So kann sich der Komponist kaum mit dem Leiden der Schmerzensmutter identifizieren, in der Musik erzählt er hinter dem vordergründigen Text lächelnd vom erwarteten Ostermorgen, und das den Text lesende und die Musik hörende Publikum lächelt mit.
 
Das Stabat Mater lebt aus dieser Sicht also von einer zweifachen Diskrepanz, nämlich zwischen Text und Musik einerseits und andererseits von der inneren musikalischen Spannung zwischen dramatischen, teils auch resignierenden und unverkennbar freudig tanzenden und triumphierenden Stellen - die eben als Musik wahrhaft nur "semi-seria" sind, nicht aber im humoristischen Sinne, sondern im Sinne eines Fingerzeigs hin zur Auferstehung: Schmerzlicher Ernst und ernsthafte Ironie, ganz im Sinne dessen, was Jesus den beiden Jüngern auf ihrem Gang nach Emmaus sagt: "Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?" (49)
 
Der Heldentenor der ersten Arie etwa trägt diese Kernaussage Rossinis bereits in der musikalischen Anlage des zweiten Satzes. Und trotz allem bleibt seine eingehende musikalische Beschwörung an die Mutter ungehört: "Mater, mater unigeniti". Oder gerade auch der von Rossini der Komposition hinzugefügte Text der Doxologie im Finalsatz ("Et sempitaerna saecula") kann als Zeugnis gesehen werden für diesen Triumph des ewigen Lebens über den Tod, symbolisiert durch die Auferstehung.