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von mag. dominik sedivy
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start: 03 july 2006, up-date: 03 july 2006
 
Wie bereits erwähnt, ist Rossinis Stabat Mater zwischen 1831/32 (erste Fassung; 6 Sätze von Rossini, 6 von Tadolini) und 1841 in der zweiten, heute üblichen Fassung entstanden. Die Grundtonart ist g-Moll, doch sind mehrere Sätze auch in weit entfernten Tonarten verfaßt, tatsächlich stehen nur drei Sätze, der 1., 9. und 10 Satz in g-Moll (23) :
 
Satz Nr.: Bezeichnung: Tonart: Text (Beginn): Strophen:
1. Introduzione g-Moll Stabat Mater dolorosa 1
2. Aria (T) As-Dur Cuius animam gementem 2-4
3. Duetto (SS) E-Dur Quis est homo, qui non fleret 5,6
4. Aria (B) A-Moll / A-Dur Pro peccatis suae gentis 7,8
5. Coro e Recitativo (B) d-Moll / F-Dur Eia Mater, fons amoris 9,10
6. Quartetto (SSTB) As-Dur Sancta Mater, istud agas 11-15
7. Cavatina (S2) E-Dur Fac, ut portem Christi mortem 16,17
8. Aria (S1) e Coro c-Moll Inflammatus et accensus 18,19
9. Quartetto (SSTB) g-Moll Quando corpus morietur 20
10. Finale g-Moll In sempiterna saecula Amen [Doxologie]
 
Der Text "In sempiterna saecula" ist nicht mehr der eigentlichen Stabat-Mater Sequenz entnommen, er entspricht vielmehr einer kurzen Doxologie am Schluß.
Die Besetzung schreibt einen vierstimmigen Chor (SSTB) und 4 Solisten (SSTB) vor, im Orchester sitzen 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, sowie Pauken und Streicher.
Der von Rossini verwendete Text weicht an mehreren Stellen vom Original des LU, bzw. GR ab. Kirsch stellt bietet in seiner Analyse eine textliche Gegenüberstellung (24). Die von Rossini vertonten Abweichungen zum LU sind folgende:
 
Strophe Nr.: LU: (1) Rossini:
4. Quae maerébat et dolébat
Pía Máter, dum vidébat
Náti poénas ínclyti
Et tremebat, cum videbat

5.
Quis est hómo qui non fléret,
Mátrem Chrísti si vidéret
In tánto supplício?
Christi Matrem si videret
6.
Quis non pósset contristári,
Chrísti mátrem contemplári
Doléntem cum Fílio?
Piam Matrem contemplari
13. Fac me técum pie flére,
Crucifíxo condolére,
Donec égo víxero
Fac me vere tecum flere,

14.
Juxta crúcem técum stáre,
Et me tíbi sociáre
In plánctu desídero.
Te libenter sociare
17. Fac me plágis vulnerári,
Fac me crúce inebriári,
Et cruáre Fílii.
Cruce hac inebriari
Ob amorem Filii
18. Flámmis ne úrar succénsus
Per te, Vírgo, sim defénsus
in díe iudícii.
Inflammatus et accensus

19. Chríste, cum sit hinc exíre,
Da per Mátrem me veníre
Ad pálmam victóriae.
Fac me crucem custodire
Morte Christi praeminiri,
Confoveri gratia.
 
Zur Gegenüberstellung beider Analysen sei noch zu erwähnen, dass Blume eine vorwiegend formalistische Analyse des Stabat Mater vornimmt. Er teilt jedes Stück in Einzelabschnitte ein, von denen er Besetzung (Orchester, Chor oder Solo/Soli), Tonart und aktuellen Textabschnitt nennt.
Kirsch legt mehr wert auf eine Interpretation des Werks. Er ist bemüht, eine Erklärung für das Wort-Ton-Problem zu finden. Er unterlegt der Komposition eine innere theatralische Dramaturgie und programmatische Assoziationen. So läßt er das Stabat Mater Szenen beschreiben, in ihm Einzelpersonen hervortreten, etc. Unter Zuhilfenahme dieser fiktiven inneren Handlung versucht er, den Wort-Ton - Kontrast durch einen "realistischen Diesseitsbezug" (26) zu erklären. Seiner Meinung nach sei für Rossini die Reflexion über den Kreuzestod Jesu und der Schmerzen seiner Mutter nur "ad personam" denkbar. So hebt er in den Sätzen II. bis IV. Einzelcharaktere, bzw. Personengruppen gleichsam exemplarisch hervor und läßt sie unter das Kreuz treten. An manchen Stellen scheint es mir jedoch mehr ein Versuch zu sein, dem Werk eine Handlung aufzuzwingen, um der Musik durch das Auftreten von Charakteren einen programmatischen Inhalt zu geben. Dies jedoch wäre, den oben angeführten Äußerungen zufolge, eine "deutsche" Art zu denken, es bedeutete nämlich die Verschmelzung der beiden Ebenen von Text und Musik. Negativ ausgedrückt wäre dies die Unfähigkeit, die Ebene der Musik von einer rein textlichen Ebene vollständig zu trennen und ihr keine musikalisch absolute Selbständigkeit zu bewahren, da sie nicht von jeglichem Textbezug befreit bliebe.
Ich würde das Werk anfangs mehr im Sinne der Äußerungen Heines und Rossinis verstehen wollen, eine gewisse Unerklärlichkeit mancher Phänomene erklärtermaßen stehen lassen, um nicht in wilden Interpretationsversuchen unterzugehen. Es sei hier nun also eine gewisse kindlich-humoristische Verspieltheit angenommen, die nicht als Respektlosigkeit vor dem Allerhöchsten, sondern als eine reine Unverfälschtheit, aber auch Ehrlichkeit verstanden werden soll, ähnlich wie es auch bei einigen Messen Mozarts der Fall ist. Die vom Text unabhängige, zweite, rein musikalische Ebene sei dann zu verstehen als eine besondere Möglichkeit, durch Schaffung von Kontrasten oder Entsprechungen auf wesentlich subtilere Weise bewusst auf das textliche und/oder affektive Geschehen einzuwirken.