Zur Entstehung des

Stabat Mater und

seiner Rezeption

 
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von mag. dominik sedivy
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start: 24 june 2006, up-date: 24 june 2006
Das Stabat Mater existiert ursprünglich in zwei Fassungen. 1831 hielt sich Rossini in Spanien bei dem Bankier (16) Aguado, einem Freund, auf. Über ihn wurde der Komponist von einem Abt mit Namen Manuel Fernandez Varela um ein Stabat Mater für seine Privatkapelle gebeten. Rossini akzeptierte, nachdem Varela sich verpflichtete, die Noten nicht herzugeben oder zu veröffentlichen. Doch aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten komponierte er nur sechs Sätze, sechs weitere wurden von einem Freund, dem Direktor der italienischen Oper in Paris, Giovanni Tadolini, geschrieben. In der Widmung vom 26.3.1832 erwähnt Rossini, der für das Werk eine goldene Dose mit 5000 Franken erhält, aber nicht, dass Tadolini an der Entstehung dieses Stabat Mater beteiligt gewesen war. In dieser Fassung wurde das Werk ein einziges Mal aufgeführt, nämlich in der Kapelle von San Felipe el Real in Madrid, am Karfreitag des Jahres 1833.
 
Nach Varelas Tod 1837 wurde das Original-Manuskript von seinen Erben verkauft und geriet so in die Hände des Pariser Verlegers Antoine Aulagnier, der es veröffentlichen wollte. Rossini jedoch legte vehement Einspruch gegen die Herausgabe des Werkes ein. In einem Brief bezieht er sich auf Tadolinis Teil-Urheberschaft und schreibt, dass er gesonnen sei, jeden Verleger, der Spitzbüberei treiben sollte, bis in den Tod zu verfolgen. (17) Es folgte auch ein längerer Gerichtsstreit, den Rossini am Ende gewann. Aulagnier veröffentlichte danach nur die sechs nicht von Rossini stammenden Sätze der ersten Fassung.
Rossini aber hatte das Stabat Mater bereits vervollständigt und die Rechte zur Veröffentlichung an seinen Verleger Eugène Troupenas verkauft.
 
Die erste Gesamtaufführung der zweiten Fassung des Werkes - es besteht aus 10 Sätzen - fand am 7.1.1842 statt, und zwar nicht innerhalb eines kirchlichen Rahmens, sondern konzertant im italienischen Theater von Paris. Sie wurde zu einem außerordentlichen Erfolg, die Sätze 8,9 und 4 wurden als Zugaben gespielt. (17) In Paris alleine folgten 13 weitere Aufführungen, im selben Jahr kam es in 29 verschiedenen Städten innerhalb Europas zu weiteren Aufführungen (Blume). In Bologna leitete G. Donizetti eine Aufführung, die enthusiastisch aufgenommen wurde (Kirsch), in Wien allerdings konnte das Werk bei seiner Aufführung 1843 wenig überzeugen, so dass sich Franz Grillparzer verleitet sah, ein boshaftes Gedicht gegen die Wiener Gesellschaft zu schreiben. (19) Die Wirkung des Stabat Mater war im deutschen Raum eher getrübt, auf die Gründe wurde bereits hingewiesen. In seinem Aufsatz führt W. Kirsch eine Reihe von Zitaten an, die diese Problematik des Verhältnisses von Wort und Ton noch weiter belegen, einige seien hier wiedergegeben: (20)
 
Hermann Kretzschmar in: Führer durch den Konzertsaal, 1888-1890:
"[...] ein vielleicht durchaus fromm gemeintes, aber streckenweise vollständig frivol ausgefallenes Werk. [...] Man könnte es in Musikschulen aufstellen als warnendes Beispiel dafür, wohin eine falsche Richtung zu führen vermag. [...] das für die Vokalkomposition unselige Prinzip der [...] neapolitanischen Schule: die Musik zur freien Herrin zu machen, bei Rossini hat es zu einer vollständigen Auflösung von Sinn und Wesen des Wortes geführt, zu Verstößen gegen den Geist des Textes [...]. In Deutschland kann das Werk seit Jahrzehnten als praktisch überwunden angesehen werden."
Heinrich Heine bringt die Essenz der deutschen Kritik an Rossinis Werk auf den Punkt:
"[...] die Rügen, die von norddeutschem Standpunkt aus gegen den großen Meister laut wurden [...]: Die Behandlung sei zu weltlich, zu sinnlich, zu spielend für den geistlichen Stoff, sie sei zu leicht, zu angenehm, zu unterhaltend, [..., sind die Klagen] langweiliger Kritikaster, die, wenn auch nicht absichtlich eine übertriebene Spiritualität erheucheln, doch jedenfalls von der heiligen Musik sehr beschränkte, sehr irrige Begriffe [haben ...].
Jene glauben, das wahrhaft Christliche müsse in subtilen mageren Konturen und so abgehärmt und farblos als möglich dargestellt werden [...]. Nicht die äußere Dürre und Blässe ist ein Kennzeichen des wahrhaft Christlichen in der Kunst, sondern eine gewisse innere Überschwenglichkeit, die weder angetauft, noch einstudiert werden kann [...]"
 
Richard Wagner hat einen hämischen, aber sehr amüsant zu lesenden Aufsatz (Paris, vom 15.12.1841) verfasst, der in der "Neuen Zeitschrift für Musik" erschienen ist und der sich auch in seinen gesammelten Schriften befindet. (21) Er schildert u.a. eine äußerst polemische Variante der Entstehung des Stabat Mater, da jedoch dieser Aufsatz keine neuen erhellenden Argumente liefert, sei er nur erwähnt, und zum Lesen empfohlen, ihn hier zu zitieren, trüge jedoch nichts zur Sache bei.
 
Arthur Schopenhauer tritt ein für ein unbelastetes Verhältnis zwischen Wort und Ton in der Musik: (22)
 
"Wenn die Musik zu sehr sich den Worten anzuschließen und den Begebenheiten zu modeln sucht, so ist sie bemüht, eine Sprache zu reden, die nicht die ihre ist. Von diesem Fehler hat sich keiner so rein gehalten wie Rossini: daher spricht seine Musik so deutlich und rein ihre eigene Sprache, dass sie der Worte gar nicht bedarf."
 
Zuletzt sei eine Antwort von Rossini selbst genannt, der sich zu dieser Kritik aus Deutschland äußert:
 
"Das ist keine Kirchenmusik für Euch Deutsche, meine heiligeste Musik ist doch nur immer semi-seria."