Die spezifische

Musikwissenschaftliche Hermeneutik

 
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von mag. dominik sedivy
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start: 24 may 2006, up-date: 24 may 2006
Wie bereits erwähnt, zeichnet sich eine Musikwissenschaftliche Hermeneutik zuerst einmal durch eine konkrete Gebundenheit an ein Werk, einen Komponisten, eine Zeit, etc. aus. Ihre Fragestellungen sind konkreter wissenschaftlicher Natur, gehen in Bereiche der Historik (Biographie, Geschichte der Rezeption, Komposition, Gattung, evt. Notendruck, ...), der Analyse, etc., kurz, das Objekt in allen seinen möglichen Kontexten.
 
Besteht in der Musikalischen Hermeneutik also ein abstrakter Musikbezug, so fragt die Musikwissenschaftliche Hermeneutik nach einem konkreten Sachbezug. Als Beispiel kann dafür etwa eine Musikanalyse angeführt werden. Hier wird versucht, das Werk z.B. im Zusammenhang mit der Biographie des Komponisten zu sehen, sein musikästhetische Denken zu beleuchten, sowie die Entstehung des Werkes und seiner Rezeption zu untersuchen. Eine gattungsgeschichtliche Betrachtung erscheint gelegentlich notwendig.
 
Konkret auf das Werk bezogen erfolgt eine Analyse, beginnend mit der Gegenüberstellung bereits bestehender Analysen und Interpretationen des Werkes sowie den Hintergründen deren Entstehung (insbesondere in Bezug auf die Intentionen des Verfassers dieser Analysen). Wichtig wird ggf. ein Vergleich zwischen dem vertonten Text und der Textvorlage, falls sich besondere Auffälligkeiten (etwa Unterschiede) ergeben. Es erfolgt eine Werkanalyse unter formalen, harmonischen, melodischen und motivischen Gesichtspunkten, es werden ggf. innerhalb des Werks verwendete Gattungen sowie deren Zusammenhang betrachtet. Es wird Ausschau gehalten nach auffallenden Stellen, nach Parallelismen oder Kontrasten im Werk. Abschließend ist es auch möglich, ggf. das Verhältnis zwischen Musik und Wort zu betrachten. Alle auf diese Weise gesammelten Daten können sodann für die theoretische Interpretation des Werkes herangezogen werden.
 
In einem konkreten Fallbeispiel - hierfür sei das Stabat Mater von G. Rossini gewählt (vgl. Anhang) - finden sich zahlreiche interessante Fakten, angefangen mit dem Phänomen der quantitativ äußerst ungleichen Verteilung der Werke Rossinis in dessen Lebensverlauf. Das alles überragende Problem bei seinem Stabat Mater ist es, mit der Diskrepanz zwischen Gattung und Text und seiner Musik zurecht zu kommen und hier eine Erklärung zu finden. Diese Spannung spiegelt sich in der Rezeption sehr deutlich wider. Die genauere Analyse des Werkes zeigt, daß verschiedene Stellen durchaus als mehr oder minder direkt auf den Text bezogen gedeutet werden können, andere aber scheinen durch krasse Gegensätzlichkeit (vgl. etwa eine Heldentenorarie als 2. Satz) den vertonten Text und dessen Aussage zu parodieren und lassen das ganze Geschehen beinahe zur Groteske werden.
 
Die letzendliche Interpretation führt schließlich zur These, daß durch die musikalische Ebene durchaus eine Hintergehung des Textes geplant sein könnte und daß das Werk in seinen heiteren Stellen die Auferstehung antizipiert. Dadurch wird die erwähnte Diskrepanz durchaus parodistisch deutbar, hier aber mit Hinzukommen einer tieferen Ebene, nämlich das Unverständnis gegenüber dem Todesschmerz vor dem Hintergrund der hoffnungsvollen Erwartung des Ostermorgens.