| Wie
bereits erwähnt, zeichnet sich eine Musikwissenschaftliche Hermeneutik
zuerst einmal durch eine konkrete Gebundenheit an ein Werk, einen Komponisten,
eine Zeit, etc. aus. Ihre Fragestellungen sind konkreter wissenschaftlicher
Natur, gehen in Bereiche der Historik (Biographie, Geschichte der Rezeption,
Komposition, Gattung, evt. Notendruck, ...), der Analyse, etc., kurz, das
Objekt in allen seinen möglichen Kontexten. |
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| Besteht
in der Musikalischen Hermeneutik also ein abstrakter Musikbezug, so fragt
die Musikwissenschaftliche Hermeneutik nach einem konkreten Sachbezug. Als
Beispiel kann dafür etwa eine Musikanalyse angeführt werden. Hier
wird versucht, das Werk z.B. im Zusammenhang mit der Biographie des Komponisten
zu sehen, sein musikästhetische Denken zu beleuchten, sowie die Entstehung
des Werkes und seiner Rezeption zu untersuchen. Eine gattungsgeschichtliche
Betrachtung erscheint gelegentlich notwendig. |
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| Konkret
auf das Werk bezogen erfolgt eine Analyse, beginnend mit der Gegenüberstellung
bereits bestehender Analysen und Interpretationen des Werkes sowie den Hintergründen
deren Entstehung (insbesondere in Bezug auf die Intentionen des Verfassers
dieser Analysen). Wichtig wird ggf. ein Vergleich zwischen dem vertonten
Text und der Textvorlage, falls sich besondere Auffälligkeiten (etwa
Unterschiede) ergeben. Es erfolgt eine Werkanalyse unter formalen, harmonischen,
melodischen und motivischen Gesichtspunkten, es werden ggf. innerhalb des
Werks verwendete Gattungen sowie deren Zusammenhang betrachtet. Es wird
Ausschau gehalten nach auffallenden Stellen, nach Parallelismen oder Kontrasten
im Werk. Abschließend ist es auch möglich, ggf. das Verhältnis
zwischen Musik und Wort zu betrachten. Alle auf diese Weise gesammelten
Daten können sodann für die theoretische Interpretation des Werkes
herangezogen werden. |
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| In
einem konkreten Fallbeispiel - hierfür sei das Stabat Mater von G.
Rossini gewählt (vgl. Anhang) - finden sich zahlreiche interessante
Fakten, angefangen mit dem Phänomen der quantitativ äußerst
ungleichen Verteilung der Werke Rossinis in dessen Lebensverlauf. Das alles
überragende Problem bei seinem Stabat Mater ist es, mit der Diskrepanz
zwischen Gattung und Text und seiner Musik zurecht zu kommen und hier eine
Erklärung zu finden. Diese Spannung spiegelt sich in der Rezeption
sehr deutlich wider. Die genauere Analyse des Werkes zeigt, daß verschiedene
Stellen durchaus als mehr oder minder direkt auf den Text bezogen gedeutet
werden können, andere aber scheinen durch krasse Gegensätzlichkeit
(vgl. etwa eine Heldentenorarie als 2. Satz) den vertonten Text und dessen
Aussage zu parodieren und lassen das ganze Geschehen beinahe zur Groteske
werden. |
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| Die
letzendliche Interpretation führt schließlich zur These, daß
durch die musikalische Ebene durchaus eine Hintergehung des Textes geplant
sein könnte und daß das Werk in seinen heiteren Stellen die Auferstehung
antizipiert. Dadurch wird die erwähnte Diskrepanz durchaus parodistisch
deutbar, hier aber mit Hinzukommen einer tieferen Ebene, nämlich das
Unverständnis gegenüber dem Todesschmerz vor dem Hintergrund der
hoffnungsvollen Erwartung des Ostermorgens. |