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Forderung eines musikalischen Spiels müßte in Konsequenz aber
nicht bloß jede mit dem Musizieren verbundene Intention (außer
dem Willen zum spielerischen Musizieren selbst) verbieten, sondern auch
jede mögliche musikalische Interpretation als nicht-intuitive Projektion
von gelernter (Re-) Produktionsweise auf das zu Spielende. Denn eine derartige
Interpretation entspräche wiederum einem Aktionszwang, dem die Musik
und ihr Spiel (das damit aufhörte, Spiel zu sein) ausgesetzt und untergeordnet
wird. Obgleich ein Interpretationsmodell einem aus der nachträglichen
Reflexion über das Spiel destilliertes "Handlungssystem"
entsprechen kann, bzw. idealerweise wohl auch entspricht, so ist es doch
als eine den Künstler formende Erkenntnis zu sehen, nicht als eine
die Musik formende. Das bedeutet: Die musikalische Interpretation als durch
Reflexion über das Spiel gewonnenes Destillat des Musikverständnisses
des Künstlers entspricht seiner ihm eigenen "hermeneutischen Erkenntnis"
über Musik. Wird diese jedoch dem Spiel willentlich aufgesetzt, so
löst der Spieler sich selbst von der Möglichkeit eines weiteren
Verstehens, denn in der bewußten Anwendung seines Interpretationsmodells
kann er natürlich nicht darüber hinaus gehen, da er um das genaue
Befolgen dieses Modells besorgt ist und damit zugleich aufhört, tatsächlich
zu spielen. Er würde letztlich zum Mechanismus seines aktuellen, in
dieser Form dann nicht weiter veränderbaren interpretatorischen Aktionsmodells,
das auf die Töne angewendet wird. |
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| Es
erscheint mir insgesamt angemessen, das reflexive Moment in zwei Bereiche
einzuteilen, von denen der erste die Frage nach der (im Menschen vorhandenen)
Musikalität, sowie nach der Beschaffenheit eines "Musikalischen
Aktes", etc. stellt. Ein zweiter Bereich deckt sich demgegenüber
ganz mit der allgemeinen Frage nach der musikalischen Korrelation. Sie untersucht
die Beschaffenheit von Musik schlechthin und fragt nach den innermusikalischen
Zusammenhängen und wie diese zu verstehen sind. |
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| In
den ersten Bereich der Musikalischen Hermeneutik fallen Fragen bezüglich
der Apperzeption von Musik, d.h. nach dem Akt der Aufnahme und Verarbeitung
von musikalischen Ereignissen durch den Menschen. Hinzu kommen allerdings
ebenso Fragen nach der Entwicklung dieser Fähigkeit (Ontogenese), ebenso
wie nach der Musikalischen Begabung und insbesondere nach ihrer Beschaffenheit,
- darüber wurde bereits einiges erwähnt - aber auch theoretische
Fragen über die Beschaffenheit der praktischen Realisierung von Musik,
also dem Produktiven. Durch das Erkennen des intuitiven Moments als Gegensatz
zum reflexiven aus der Reflexion heraus erscheint die Reflexion tatsächlich
als etwas Primäres gegenüber dem Produktiven, das zwar insofern
primär ist, als es den Gegenstand für die Reflexion bildet und
daher freilich zuvor erst einmal 'da' sein muß, das aber erst durch
die Reflexion in ihrem eigentlichen Wesen erkannt werden kann. So ist die
Reflexion in der Lage, durch Interpretation des Produzierten und des produktiven
Aktes erst das Wesen desselben in der Intuition erkennen zu lassen, und
sie hat insofern eine gewisse Priorität, als ihr einerseits eine erkennende
und reinigende Funktion zukommt und durch sie die hermeneutische Erkenntnis
des Künstlers über sich und sein Schaffen selbst erst ermöglicht
wird. Demgemäß erscheint mir die Schlußfolgerung, daß
nur ein ausübender Künstler in der Lage sein kann, Musikalische
Hermeneutik zu betreiben, korrekt - im Gegensatz zur Musikwissenschaftlichen
Hermeneutik, die von jedem praktiziert werden kann. |
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| Der
zweite Bereich des reflexiven Moments der Musikalischen Hermeneutik ist
durch Fragen über die Eigenschaften von Musik schlechthin - also nicht
bezogen auf das künstlerische Individuum - charakterisiert. Hier interessieren
etwa Fragen nach Art und Beschaffenheit musikalischer Ereignisse sowie nach
deren Erlebbarkeit. Eine fundamentale Bedeutung kommt dabei m.E. dem Phänomen
der musikalischen Korrelation zu, dem musikalischen Zusammenhang: Wodurch
entsteht er, worin besteht er? Wie wirkt er sich auf musikalische Systeme
aus? Was sind überhaupt musikalische Systeme und was zeichnet sie aus?
Was ist eine Skala? Was ist Tonalität, was Atonalität? Was ist
musikalische Spannung und wie entsteht sie? Was ist ein musikalischer Klang?
Was ist ein Intervall? Worin besteht der perzeptive Unterschied zwischen
Klang und Intervall? Welche Rolle spielt die Zeit? Was ist Tempo? - Derartige
Fragen fallen gänzlich in diesen Bereich. |
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| Beim
Versuch einer Zusammenfassung könnte man nun sagen, daß im eigentlichen
Umgang zwischen und mit diesen postulierten Ebenen (Intuition - Reflexion)
die große Schwierigkeit einer musikalischen Hermeneutik zu sehen ist.
Denn eine absolute völlige Trennung zwischen dem Musikalischen Spiel
und dem Nachdenken über Musik bleibt ihrerseits insofern gänzlich
undenkbar, als die Hermeneutische Erkenntnis nur dann möglich erscheint,
wenn beide Ebenen (gleichermaßen) praktiziert werden, und zwar von
ein und derselben Person. Weder dürfen und können also beide Ebenen
eins sein, noch dürfen sie völlig voneinander getrennt werden.
Die Korrelation zwischen der Produktion und Reflexion wird ihrerseits zum
Postulat, und der Umgang mit ihr wird zur eigentlichen Aufgabe und Herausforderung
in der Musikalischen Hermeneutik. |