Interpretation und Reflexion

 
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von mag. dominik sedivy
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start: 15 may 2006, up-date: 15 may 2006
Diese Forderung eines musikalischen Spiels müßte in Konsequenz aber nicht bloß jede mit dem Musizieren verbundene Intention (außer dem Willen zum spielerischen Musizieren selbst) verbieten, sondern auch jede mögliche musikalische Interpretation als nicht-intuitive Projektion von gelernter (Re-) Produktionsweise auf das zu Spielende. Denn eine derartige Interpretation entspräche wiederum einem Aktionszwang, dem die Musik und ihr Spiel (das damit aufhörte, Spiel zu sein) ausgesetzt und untergeordnet wird. Obgleich ein Interpretationsmodell einem aus der nachträglichen Reflexion über das Spiel destilliertes "Handlungssystem" entsprechen kann, bzw. idealerweise wohl auch entspricht, so ist es doch als eine den Künstler formende Erkenntnis zu sehen, nicht als eine die Musik formende. Das bedeutet: Die musikalische Interpretation als durch Reflexion über das Spiel gewonnenes Destillat des Musikverständnisses des Künstlers entspricht seiner ihm eigenen "hermeneutischen Erkenntnis" über Musik. Wird diese jedoch dem Spiel willentlich aufgesetzt, so löst der Spieler sich selbst von der Möglichkeit eines weiteren Verstehens, denn in der bewußten Anwendung seines Interpretationsmodells kann er natürlich nicht darüber hinaus gehen, da er um das genaue Befolgen dieses Modells besorgt ist und damit zugleich aufhört, tatsächlich zu spielen. Er würde letztlich zum Mechanismus seines aktuellen, in dieser Form dann nicht weiter veränderbaren interpretatorischen Aktionsmodells, das auf die Töne angewendet wird.
 
Es erscheint mir insgesamt angemessen, das reflexive Moment in zwei Bereiche einzuteilen, von denen der erste die Frage nach der (im Menschen vorhandenen) Musikalität, sowie nach der Beschaffenheit eines "Musikalischen Aktes", etc. stellt. Ein zweiter Bereich deckt sich demgegenüber ganz mit der allgemeinen Frage nach der musikalischen Korrelation. Sie untersucht die Beschaffenheit von Musik schlechthin und fragt nach den innermusikalischen Zusammenhängen und wie diese zu verstehen sind.
 
In den ersten Bereich der Musikalischen Hermeneutik fallen Fragen bezüglich der Apperzeption von Musik, d.h. nach dem Akt der Aufnahme und Verarbeitung von musikalischen Ereignissen durch den Menschen. Hinzu kommen allerdings ebenso Fragen nach der Entwicklung dieser Fähigkeit (Ontogenese), ebenso wie nach der Musikalischen Begabung und insbesondere nach ihrer Beschaffenheit, - darüber wurde bereits einiges erwähnt - aber auch theoretische Fragen über die Beschaffenheit der praktischen Realisierung von Musik, also dem Produktiven. Durch das Erkennen des intuitiven Moments als Gegensatz zum reflexiven aus der Reflexion heraus erscheint die Reflexion tatsächlich als etwas Primäres gegenüber dem Produktiven, das zwar insofern primär ist, als es den Gegenstand für die Reflexion bildet und daher freilich zuvor erst einmal 'da' sein muß, das aber erst durch die Reflexion in ihrem eigentlichen Wesen erkannt werden kann. So ist die Reflexion in der Lage, durch Interpretation des Produzierten und des produktiven Aktes erst das Wesen desselben in der Intuition erkennen zu lassen, und sie hat insofern eine gewisse Priorität, als ihr einerseits eine erkennende und reinigende Funktion zukommt und durch sie die hermeneutische Erkenntnis des Künstlers über sich und sein Schaffen selbst erst ermöglicht wird. Demgemäß erscheint mir die Schlußfolgerung, daß nur ein ausübender Künstler in der Lage sein kann, Musikalische Hermeneutik zu betreiben, korrekt - im Gegensatz zur Musikwissenschaftlichen Hermeneutik, die von jedem praktiziert werden kann.
 
Der zweite Bereich des reflexiven Moments der Musikalischen Hermeneutik ist durch Fragen über die Eigenschaften von Musik schlechthin - also nicht bezogen auf das künstlerische Individuum - charakterisiert. Hier interessieren etwa Fragen nach Art und Beschaffenheit musikalischer Ereignisse sowie nach deren Erlebbarkeit. Eine fundamentale Bedeutung kommt dabei m.E. dem Phänomen der musikalischen Korrelation zu, dem musikalischen Zusammenhang: Wodurch entsteht er, worin besteht er? Wie wirkt er sich auf musikalische Systeme aus? Was sind überhaupt musikalische Systeme und was zeichnet sie aus? Was ist eine Skala? Was ist Tonalität, was Atonalität? Was ist musikalische Spannung und wie entsteht sie? Was ist ein musikalischer Klang? Was ist ein Intervall? Worin besteht der perzeptive Unterschied zwischen Klang und Intervall? Welche Rolle spielt die Zeit? Was ist Tempo? - Derartige Fragen fallen gänzlich in diesen Bereich.
 
Beim Versuch einer Zusammenfassung könnte man nun sagen, daß im eigentlichen Umgang zwischen und mit diesen postulierten Ebenen (Intuition - Reflexion) die große Schwierigkeit einer musikalischen Hermeneutik zu sehen ist. Denn eine absolute völlige Trennung zwischen dem Musikalischen Spiel und dem Nachdenken über Musik bleibt ihrerseits insofern gänzlich undenkbar, als die Hermeneutische Erkenntnis nur dann möglich erscheint, wenn beide Ebenen (gleichermaßen) praktiziert werden, und zwar von ein und derselben Person. Weder dürfen und können also beide Ebenen eins sein, noch dürfen sie völlig voneinander getrennt werden. Die Korrelation zwischen der Produktion und Reflexion wird ihrerseits zum Postulat, und der Umgang mit ihr wird zur eigentlichen Aufgabe und Herausforderung in der Musikalischen Hermeneutik.