| Die
"Hermeneutische Krake" (Siegfried Mauser) als Inbegriff eines
Verstehenszwangs basiert auf dem Gedanken des menschlichen Verstehens als
Existenzial ("Der Mensch kann nicht anders als verstehen." Dieser
Gedanke sei hiermit als nicht weiter hinterfragte Prämisse akzeptiert.).
Ein derartiges Verstehen-Müssen kann einerseits als Trost aufgefaßt
werden, daß der Mensch um sein Verstehen nicht herum kommen kann,
(1) andererseits
aber auch als Urteil, dem Verstehen sein Leben lang schutzlos ausgeliefert
zu sein, ob man nun will oder nicht. Daß diese Vorstellung einer Krake
in einem Wortspiel beginnt und endet, ist hierbei offensichtlich. Daher
wird nur jemand unter dieser Konstruktion eines vermeintlichen Verstehenszwanges
leiden, der sich darauf auch einläßt. Das Problem liegt dabei
nicht im Begriff des Nicht-Anders-Als-Verstehen-Könnens, sondern in
dessen unzulänglicher Interpretation, die m.E. aus einem falschen Freiheitsbedürfnis
heraus versucht wird. Denn indem der Mensch sowieso versteht, müßte
man den Willen zum Verstehen doch ohnehin als irrelevant betrachten, Relevanz
könnte im "Kraken-Modell" zuletzt also höchstens ein
Wille zum Nicht-Verstehen haben. |
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| Doch
könnte man auch ganz pragmatisch fragen: Wer hat sich denn überhaupt
jemals am Verstehensakt gestört? Da bekanntlich das, was der menschlichen
Natur gemäß ist, vom Menschen in aller Regel auch genossen wird,
erscheint es mir unmöglich, daß der Verstehensakt an sich jemals
als Hindernis empfunden werden kann, sofern nicht ein gedankliches System
konstruiert wird, durch das der Mensch eine Unfreiheit auf den Verstehensakt
selbst projiziert und sich in Folge daran stößt. Ein solches
Konstrukt wäre zwar prinzipiell denkbar, (2)
aber es wäre aufgrund seines fehlenden Bezugs zum menschlichen
Wesen (-> Verstehen als Existenzial!) unwahrscheinlich, unlogisch und
vom philosophischen Standpunkt wohl weniger interessant. Ein Nicht-Verstehen-Können-Wollen
kann somit strenggenommen nur als Gedanke existieren, niemals aber in Wirklichkeit,
da es dem menschlichen Wesen widerspräche - aufgrund dieser entstehenden
Diskrepanz würde ein solches Konstrukt als übermächtige "Krake"
erscheinen, die der Mensch niemals zu überwinden in der Lage wäre.
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| Allerdings
ist es sicherlich möglich, sich an Randüberlegungen zur gedanklichen
Konstruktion eines Verstehen-Müssens so sehr zu reiben, daß die
Idee des Zwangs, der durch eine eiserne Verstehenserwartung ausgeübt
wird, zur Unfreiheit führt, wobei der Verstehensakt selbst jedoch unangetastet
bleibt, genaugenommen eigentlich unmöglich gemacht wird. Denn indem
die Verstehenserwartung seine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, wird der
Mensch am Verstehen gehindert, denn er befaßt sich in diesem Augenblick
eben nicht mit dem zu verstehenden Objekt, sondern mit seiner Verstehenserwartung,
die ihn völlig einnimmt. Auf diese Weise aber erscheint die Krake nicht
als eine des Verstehens selbst, sondern als eine des Willens und der Erwartung,
die den Menschen am Verstehen hindert. |