Die "Krake" als Wille

zum Verstehen

 
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von mag. dominik sedivy
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start: 06 may 2006, up-date: 06 may 2006
Die "Hermeneutische Krake" (Siegfried Mauser) als Inbegriff eines Verstehenszwangs basiert auf dem Gedanken des menschlichen Verstehens als Existenzial ("Der Mensch kann nicht anders als verstehen." Dieser Gedanke sei hiermit als nicht weiter hinterfragte Prämisse akzeptiert.). Ein derartiges Verstehen-Müssen kann einerseits als Trost aufgefaßt werden, daß der Mensch um sein Verstehen nicht herum kommen kann, (1) andererseits aber auch als Urteil, dem Verstehen sein Leben lang schutzlos ausgeliefert zu sein, ob man nun will oder nicht. Daß diese Vorstellung einer Krake in einem Wortspiel beginnt und endet, ist hierbei offensichtlich. Daher wird nur jemand unter dieser Konstruktion eines vermeintlichen Verstehenszwanges leiden, der sich darauf auch einläßt. Das Problem liegt dabei nicht im Begriff des Nicht-Anders-Als-Verstehen-Könnens, sondern in dessen unzulänglicher Interpretation, die m.E. aus einem falschen Freiheitsbedürfnis heraus versucht wird. Denn indem der Mensch sowieso versteht, müßte man den Willen zum Verstehen doch ohnehin als irrelevant betrachten, Relevanz könnte im "Kraken-Modell" zuletzt also höchstens ein Wille zum Nicht-Verstehen haben.
 
Doch könnte man auch ganz pragmatisch fragen: Wer hat sich denn überhaupt jemals am Verstehensakt gestört? Da bekanntlich das, was der menschlichen Natur gemäß ist, vom Menschen in aller Regel auch genossen wird, erscheint es mir unmöglich, daß der Verstehensakt an sich jemals als Hindernis empfunden werden kann, sofern nicht ein gedankliches System konstruiert wird, durch das der Mensch eine Unfreiheit auf den Verstehensakt selbst projiziert und sich in Folge daran stößt. Ein solches Konstrukt wäre zwar prinzipiell denkbar, (2) aber es wäre aufgrund seines fehlenden Bezugs zum menschlichen Wesen (-> Verstehen als Existenzial!) unwahrscheinlich, unlogisch und vom philosophischen Standpunkt wohl weniger interessant. Ein Nicht-Verstehen-Können-Wollen kann somit strenggenommen nur als Gedanke existieren, niemals aber in Wirklichkeit, da es dem menschlichen Wesen widerspräche - aufgrund dieser entstehenden Diskrepanz würde ein solches Konstrukt als übermächtige "Krake" erscheinen, die der Mensch niemals zu überwinden in der Lage wäre.
 
Allerdings ist es sicherlich möglich, sich an Randüberlegungen zur gedanklichen Konstruktion eines Verstehen-Müssens so sehr zu reiben, daß die Idee des Zwangs, der durch eine eiserne Verstehenserwartung ausgeübt wird, zur Unfreiheit führt, wobei der Verstehensakt selbst jedoch unangetastet bleibt, genaugenommen eigentlich unmöglich gemacht wird. Denn indem die Verstehenserwartung seine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, wird der Mensch am Verstehen gehindert, denn er befaßt sich in diesem Augenblick eben nicht mit dem zu verstehenden Objekt, sondern mit seiner Verstehenserwartung, die ihn völlig einnimmt. Auf diese Weise aber erscheint die Krake nicht als eine des Verstehens selbst, sondern als eine des Willens und der Erwartung, die den Menschen am Verstehen hindert.