Das Chorwesen

in Deutschland,

1790- 1848

 
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von walter howorka
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start: 29 june 2006, up-date: 29 june 2006
Nach der Feststellung des Historikers O. Dann (O. Dann 1993, S. 119) soll der, der nach einer bürgerlichen Gesellschaft fragt, sich der Geschichte der Vereinsbildung zuwenden. Der Chor hat infolge der geistigen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im 18. Jahrhundert in Europa Veränderungen erfahren. Der Chorgesang wird Ausdruck der Emanzipation des Bürgertums. In Deutschland zählt der Chor zu den Institutionen des musikalischen Biedermeier (C. Dahlhans 1980, S. 142). Dabei spielt die englische und französische Aufklärung eine große Rolle. Johann Gottfried Herder regte die Pflege von „Nationalliedern“ an. Neue Chormusik entstand zu besonderen Anlässen.
Der nationale, politische, soziale Kontext, in dem Chorverbände agieren, ist mitzudenken. Die Ideen der Spätaufklärung, der Romantik, müssen beachtet werden. Die Turn- und Männergesangsvereine wurden von diesen Ideen getragen. Ihr Beitrag zur Nationsbildung ist hoch einzuschätzen. Der Männergesang wurde eine patriotische Volksbewegung.
Auch in England wurde die Chormusik gepflegt. In Frankreich gab es die Academie Nationale de Musique et le concert spirituel de Paris, sowie die Akademien der Provinzen.
Berufsmusiker und Laien wirkten zusammen. Die Französische Revolution wirkte auf die Pflege der Chormusik ein. Nationalfeste sollten mit coeurs universels gefeiert werden. In England gab es ab 1784 die Pflege der Händelfeste in der Westminster Abbey. Obwohl Kriege und Säkularisation in Jahrhunderten gewachsene Strukturen zerstört hatten, haben trotzdem andernorts musikalische Institutionen überdauert. Dies geschah in Berlin und Süddeutschland. Das erste Würtembergische Liederfest fand 1827 in Plochingen statt.
 
Beamte, Lehrer und Industrielle wurden Träger der Musikkultur. Der Musikdirektor sammelte heterogene Kräfte zu einem gemeinsamen musikalischen Erlebnis. Vorbild war die von C. Fr. Fasch 1791 in Berlin gegründeten und ab 1800 von C. Fr. Zelter geleitete Singakademie. Durch A. Fr. Thibants Schrift „Über die Reinheit der Tonkunst“ (1825) erhielt der Caecilinismus und die protestantische Restaurationsbewegung wichtige Impulse. Mit Bildung der ersten Liedertafel in Berlin aus Mitgliedern der Singakademie durch Zelter 1809 und des ersten Männerchores in Zürich 1810 durch H. G. Nägeli wurde die Gründungswelle organisierter Männerchöre eingeleitet.
 
Die Erneuerung des Chorgesanges in Berlin ging von der Kirchenmusik aus. 1755 wurde C. H. Grauns Passionsoratorium „Der Tod Jesu“ aufgeführt. Zentrales Ereignis war die Aufführung von Händels „Judas Makkabäus“ 1774. 1783 und 1784 gab Hofkapellmeister Johann Fr. Reichhardt sechs Concerts spirituels. Er betrieb Volksbildung.
 
1780 wurde der Messias aufgeführt. Dieses Konzert war ein Benefizkonzert. Voraussetzung für das Chorsingen in Singakademien war der private häusliche Gesang (G. Eberle 1991, S. 20). 1790 probiert C. Fr. Ch. Fasch Benevolis 16-stimmige Messe, am 24. 5. 1791 begannen reguläre Proben. Es wurden geringstimmige Werke einstudiert und in der Marienkirche aufgeführt. Erstmals sangen Männer und Frauen gemeinsam. Nach Umzug in die Berliner Akademie der Künste wurde am 5. 11. 1793 die Singakademie eröffnet.
 
Mit der Motette „Komm Jesu, komm“ wurde am 21. 1. 1794 die Bachpflege eingeleitet, deren erster Höhepunkt die Aufführung der Matthäuspassion durch Friedrich Mendelsohn-Bartholdy war. Die italienische geistliche Musik wurde gepflegt. Der Chor wuchs von 22 auf 100 Personen an. Im a-capella Musizieren sah Wilhelm Wackenroder das Ideal einer „reinen Vokalmusik“. Beethoven besuchte am 21. und 28. 6. 1796 die Singakademie.
 
1801 gründete Zelter eine Singschule nach Art der italienischen Konservatorien, 1807 eine Ripieno-Schule für Orchester, 1827 eine Chorschule. Für Zelter war der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) die Autorität, die den Bewegungsspielraum der Bürger garantierte.
 
Die Liedertafel hatte den Charakter eines privaten Zirkels verloren. Das Patronat über die Liedertafel hatte das Königshaus. Die Organisationsform der Tafel war ein Spiegelbild des preußischen Staates. Die Freimaurer hatten Einfluss. Zelter vertonte Goethetexte. Karl Maria von Weber bemühte sich um Aufnahme in die Liedertafel (Tournierbankett op. 68, Leyer und Schwert op. 42).
 
Nägelis Handeln wurde von pädagogisch-philanthropischen Voraussetzungen geprägt. Sein Freund war Heinrich Pestalozzi. 1810 erschien in Zürich sein Lehrwerk „Gesangslehre nach Pestalozzischen Grundsätzen“. 1810 gründete er die Schweizerisch-Süddeutsche Liederkranzbewegung. Nägeli vertritt die Meinung, dass schon in Volksschulen gesungen werden müsse.
 
Der Heidelberger Jurist Fr. J. Thiebant beschäftigte sich mit Fragen des Chorgesanges und meint: Sänger und Sängerinnen müssten ausgesucht werden, es dürfe keine Geselligkeit geben, Abgeschlossenheit der Probenarbeit. Es galt nur der Palästrina-Stil. Der 1801 in Meigen ins Leben gerufene Bergische Sängerkreis betrachtet sich als Deutschlands ältester Männerchor.
 
Die Bedeutung der Geselligkeit ist hoch einzuschätzen. Nägeli bezeichnet Michael Haydn als Schöpfer des Männerquartettes als musikalische Gattung. Schubert schrieb Männerchöre. Laut Nägeli darf der Stil für Männerstimmen kein figurierter sein. Männerstimmen sollen in Quniten auseinander liegen. Der Mann habe von Natur die stärkere „Lautirkraft“.
 
Nägeli erregte in Folge einer Vortragstournee durch süddeutsche Städte 1823/24 großes Aufsehen. In Stuttgart kam es durch den Organisten K. Kocher zum Aufschwung des Chorwesens. Er lernte in Petersburg und später in Rom den religiösen a-capella-Gesang kennen. Seine Schriften wurden für die süddeutsche Liederkranzbewegung von Bedeutung.
 
Er gründete eine Sonntagabend-Gesellschaft, in der vier Männer die Anwesenden durch Quartettgesänge erfreuten. Dieser Gesellschaft trat auch Friedrich Silcher bei. Webers Vaterlandlieder wurden gesungen. Am Sonntag morgen zogen junge Männer ins Freie. Der Name „Liederkranz“ sollte das blumenreiche Gebiet der Dichtkunst bezeichnen. Alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten. Zu den Förderern gehörte Gustav Schwab. Tageszeitungen berichteten über den Liederkranz. Christian Carl André erfand die Bezeichnung „Liederkranz“. Der „Liederkranz“ veranstaltete eine Sammlung für ein Schiller-Denkmal. In einer Schiller-Feier wurden Fr. Silcher und Ludwig Uhland Ehrenmitglieder.
 
In einer Neujahrsrede 1826 im Liederkranz sprach Wilhelm Hauff. Der Liederkranz entwickelte sich in Stuttgart zu einem politisch-gesellschaftlichen Brennpunkt. In Reden wurde auf das Rechtsempfinden und auf das Freiheitsstreben Schillers eingegangen. Bei der Schiller-Feier 1825 trat neben einem Männerchor auch ein gemischter Chor auf.
 
Frauenchorgründungen gab es 1771 in Leipzig und 1806 in Erlangen, auch gab es da Komponistinnen wie Johanna Kinkel. Michael Haydn schrieb auch Frauenchöre. Die Vertreter der zweiten Berliner Liederschule haben einstimmige Klavierlieder zu mehrstimmigem Männergesang bearbeitet. Vorbild waren Reichardts Lieder im Volkston. Die Lieder sind einfach, alles Neue und Überraschende ist verboten. Die Werke Michael Haydns, Hachers, Lall haben sich rasch verbreitet.
 
Mozarts Freimaurer-Kantaten sowie der „Priesterchor“ aus der „Zauberflöte“ wurden populär. 1815 wurde der Jenaer Studentenchor gegründet. Studentenverbindungen mit Gesang wurzelten in den Befreiungskriegen. 1814 gab es auch in Graz einen Studentenchor. Aus dem von Friedrich Ludwig Jahn geführten Dritten Lützowschen Freicorps, das aus Studenten bestand, hat sich 1813 ein Chor gebildet, der sich 1815 in der Jenaer Ur-Burschenschaft fortsetzte. Wichtig ist das Wartburgfest 1817. Webers „Lützows wilde Jagd“ war Ausdruck des deutschen Nationalismus. Goethe hatte eine Vorliebe dafür. Auch beim Göttinger Studentenchor erfreut sich Webers Komposition. Albert Methfessel gab 1818 das „Allgemeine Commerz- und Liederbuch“ heraus. Er hat 1810 beim ersten deutschen Musikfest unter der Leitung L. Spohrs in Frankenhausen mitgewirkt. Er schrieb das Lied „Hinaus in die Ferne“ und „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“. 1823 gründete er in Hamburg die Liedertafel.
 
Nach dem Muster der Berliner Singakademie bildeten sich in Deutschland Chorvereinigungen: 1802 in Leipzig, 1804 in Stettin. 1807 in Dresden, 1814 in Halle, 1815 in Bremen, 1817 in Chemnitz. Diese Chorvereinigungen nannten sich meist ebenfalls Sing-Akademien. Andere nannten sich Singverein oder Singgesellschaft (1815 Frankfurt a. d. Oder) In Frankfurt am Main wurde der Caecilienverein gegründet. Die häufigste Bezeichnung in Deutschland war „Musikverein“. Musikvereine führten den Messias von Händel und Haydns Schöpfung auf.
 
Der Lehrer Georg Friedrich Bischoff veranstaltete in der Hauptkirche zu Frankenhausen in Thüringen das erste Deutsche Musikfest mit Haydns Schöpfung und der ersten Sinfonie von Beethoven (20. U. 21. 6. 1810). Dirigent war Spohr.
 
Solche Feste waren die ostpreußischen Musikfeste 1821, 1836, die Elb-Musikfeste 1825-1836 und auch in der Schweiz fanden Musikfeste statt.
 
Wie die Berliner Singakademie wurde auch die Liedertafel Vorbild für Gründungen in Deutschland. In Nürnberg kam es zur Gründung von Musik- und Gesangsvereinen in Verbindung mit der Lehrerbildung. 1821 wurde der Volksschullehrer-Verein gebildet, der im Sinn von Nägeli und Pestalozzi arbeitete. 1829 wurde die Nürnberger Liedertafel gegründet. Auch Zuhörer konnten Mitglieder dieser Vereinigung werden.
 
Das engmaschige Netz von Liedertafeln war ein Ersatz für die damals noch nicht zugelassenen Parteien. Sie wurzelten nach Klenke „zum einen in der Suche einer tief verunsicherten, aus der christlich legitimierten Ständeordnung entlassenen Bürgerschicht nach neuer, ebenfalls religiös fundierter Gemeinschaftsidentität, zum anderen in dem Kampf um Selbstbehauptung gegenüber dem napoleonischen Herrschaftsanspruch, dem es Nationalbewusstsein und nationale Einheit entgegenzusetzen galt.
 
Das engmaschige Netz von Liedertafeln war ein Ersatz für die damals noch nicht zugelassenen Parteien. Sie wurzelten nach Klenke „zum einen in der Suche einer tief verunsicherten, aus der christlich legitimierten Ständeordnung entlassenen Bürgerschicht nach neuer, ebenfalls religiös fundierter Gemeinschaftsidentität, zum anderen in dem Kampf um Selbstbehauptung gegenüber dem napoleonischen Herrschaftsanspruch, dem es Nationalbewusstsein und nationale Einheit entgegenzusetzen galt.
 
Durch die Gründung der Liedertafeln und Gesangvereine war der Anstoß für eine neue Nationalbewegung gegeben. Oberstes Ziel war die Einigung Deutschlands. Ernest Moritz Andts Vaterlandslied „Was ist des Deutschen Vaterland“ (Melodie G. Reichardt 1825) wurde bis 1870 zur heimlichen Nationalhymne Deutschlands.
 
Die Turngesellschaften und politischen Studentenorganisationen wurden 1819/20 verboten. Die Männergesangvereine vermieden den Anschein eines politischen „Zwecks“. 1827 wurden die schwäbischen Liederfeste gegründet. Der Frankfurter Liederkranz veranstaltete von 28. Bis 30. Juli 1838 ein deutsches Sängerfest, bei dem eine Mozartstiftung ins Leben gerufen wurde.
 
1840 entstanden in West- und Norddeutschland Männergesangvereine, die die organisch-sozialen Merkmale der Liederkränze aufwiesen. Auch dort gab es Sängertreffen. Die erste auf Satzungen basierende regionale Vereinigung von patriotisch-deutschorientierten Sängerassoziationen aus verschiedenen Territorien war der Thüringer Sängerbund 1843. Es gab die Zeitung Teutonia. Auch hier gab es unterschiedliche Entwicklungen. Durch die Mitwirkung von Instrumentalvereinen entwickelten sich die Gesangfeste zu Musikfesten. Beim deutschen Sängerfest vom 4. bis 6. August 1845 wirkten 1626 Sänger mit. Auch acht Sänger aus Österreich nahmen teil. Dabei wurden Ständeunterschiede aufgelöst.
 
Von 14. bis 16. Juni 1846 fand in Köln das deutsch-flämische Sängerfest statt. Es war ein länderübergreifendes Fest. Mendelssohn war Festdirigent.
 
Die Sängerbewegung entstand als Männerbewegung. Bürgerliche Moralvorstellungen in Hinblick auf die Pflege der Geselligkeit in den Männergesangvereinen schlossen Frauen von der aktiven Mitgliedschaft aus. In konfessioneller Hinsicht war die frühe Sängerbewegung protestantisch. Konfessionelle Spannungen auf Sängerfesten wurden zugegeben. Protestanten wie Katholiken haben die Sängerfeste zu nutzen verstanden.
 
Zum fünften Liederfest des Thüringer Sängerbundes wurde von Mendelssohn ein „Morgengruß“ komponiert. In gemischt-konfessionellen Orten wie Augsburg bemühte man sich um Überwindung der konfessionellen Schranken. Auch Juden bemühten sich um Aufnahme in Männergesangvereine.
 
Das Männerchorrepertoire wurde standardisiert. Verschiedene Sammlungen wurden herausgegeben. Eine breite Chorliteratur stand zur Verfügung. Die besten Komponisten und Dichter haben sich um die Entwicklung des Chorwesens verdient gemacht. Das Chorlied wurde zum Popularlied und dadurch verstümmelt. Dagegen wehrte sich Friedrich Silcher.