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29 june 2006, up-date: 29 june 2006
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| Nach
der Feststellung des Historikers O. Dann (O. Dann 1993, S. 119) soll der,
der nach einer bürgerlichen Gesellschaft fragt, sich der Geschichte der
Vereinsbildung zuwenden. Der Chor hat infolge der geistigen, politischen
und gesellschaftlichen Veränderungen im 18. Jahrhundert in Europa Veränderungen
erfahren. Der Chorgesang wird Ausdruck der Emanzipation des Bürgertums.
In Deutschland zählt der Chor zu den Institutionen des musikalischen Biedermeier
(C. Dahlhans 1980, S. 142). Dabei spielt die englische und französische
Aufklärung eine große Rolle. Johann Gottfried Herder regte die Pflege von
„Nationalliedern“ an. Neue Chormusik entstand zu besonderen Anlässen. |
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Der
nationale, politische, soziale Kontext, in dem Chorverbände agieren, ist
mitzudenken. Die Ideen der Spätaufklärung, der Romantik, müssen beachtet
werden. Die Turn- und Männergesangsvereine wurden von diesen Ideen getragen.
Ihr Beitrag zur Nationsbildung ist hoch einzuschätzen. Der Männergesang
wurde eine patriotische Volksbewegung.
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Auch
in England wurde die Chormusik gepflegt. In Frankreich gab es die Academie
Nationale de Musique et le concert spirituel de Paris, sowie die Akademien
der Provinzen.
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Berufsmusiker
und Laien wirkten zusammen. Die Französische Revolution wirkte auf die
Pflege der Chormusik ein. Nationalfeste sollten mit coeurs universels
gefeiert werden. In England gab es ab 1784 die Pflege der Händelfeste
in der Westminster Abbey. Obwohl Kriege und Säkularisation in Jahrhunderten
gewachsene Strukturen zerstört hatten, haben trotzdem andernorts musikalische
Institutionen überdauert. Dies geschah in Berlin und Süddeutschland. Das
erste Würtembergische Liederfest fand 1827 in Plochingen statt.
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| Beamte,
Lehrer und Industrielle wurden Träger der Musikkultur. Der Musikdirektor
sammelte heterogene Kräfte zu einem gemeinsamen musikalischen Erlebnis.
Vorbild war die von C. Fr. Fasch 1791 in Berlin gegründeten und ab 1800
von C. Fr. Zelter geleitete Singakademie. Durch A. Fr. Thibants Schrift
„Über die Reinheit der Tonkunst“ (1825) erhielt der Caecilinismus und die
protestantische Restaurationsbewegung wichtige Impulse. Mit Bildung der
ersten Liedertafel in Berlin aus Mitgliedern der Singakademie durch Zelter
1809 und des ersten Männerchores in Zürich 1810 durch H. G. Nägeli wurde
die Gründungswelle organisierter Männerchöre eingeleitet. |
| Die
Erneuerung des Chorgesanges in Berlin ging von der Kirchenmusik aus. 1755
wurde C. H. Grauns Passionsoratorium „Der Tod Jesu“ aufgeführt. Zentrales
Ereignis war die Aufführung von Händels „Judas Makkabäus“ 1774. 1783 und
1784 gab Hofkapellmeister Johann Fr. Reichhardt sechs Concerts spirituels.
Er betrieb Volksbildung. |
| 1780 wurde der Messias aufgeführt. Dieses Konzert war ein Benefizkonzert. Voraussetzung für das Chorsingen in Singakademien war der private häusliche Gesang (G. Eberle 1991, S. 20). 1790 probiert C. Fr. Ch. Fasch Benevolis 16-stimmige Messe, am 24. 5. 1791 begannen reguläre Proben. Es wurden geringstimmige Werke einstudiert und in der Marienkirche aufgeführt. Erstmals sangen Männer und Frauen gemeinsam. Nach Umzug in die Berliner Akademie der Künste wurde am 5. 11. 1793 die Singakademie eröffnet. |
| Mit
der Motette „Komm Jesu, komm“ wurde am 21. 1. 1794 die Bachpflege eingeleitet,
deren erster Höhepunkt die Aufführung der Matthäuspassion durch Friedrich
Mendelsohn-Bartholdy war. Die italienische geistliche Musik wurde gepflegt.
Der Chor wuchs von 22 auf 100 Personen an. Im a-capella Musizieren sah Wilhelm
Wackenroder das Ideal einer „reinen Vokalmusik“. Beethoven besuchte am 21.
und 28. 6. 1796 die Singakademie. |
| 1801
gründete Zelter eine Singschule nach Art der italienischen Konservatorien,
1807 eine Ripieno-Schule für Orchester, 1827 eine Chorschule. Für Zelter
war der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) die Autorität,
die den Bewegungsspielraum der Bürger garantierte. |
| Die
Liedertafel hatte den Charakter eines privaten Zirkels verloren. Das Patronat
über die Liedertafel hatte das Königshaus. Die Organisationsform der Tafel
war ein Spiegelbild des preußischen Staates. Die Freimaurer hatten Einfluss.
Zelter vertonte Goethetexte. Karl Maria von Weber bemühte sich um Aufnahme
in die Liedertafel (Tournierbankett op. 68, Leyer und Schwert op. 42). |
| Nägelis
Handeln wurde von pädagogisch-philanthropischen Voraussetzungen geprägt.
Sein Freund war Heinrich Pestalozzi. 1810 erschien in Zürich sein Lehrwerk
„Gesangslehre nach Pestalozzischen Grundsätzen“. 1810 gründete er die Schweizerisch-Süddeutsche
Liederkranzbewegung. Nägeli vertritt die Meinung, dass schon in Volksschulen
gesungen werden müsse. |
| Der Heidelberger Jurist Fr. J. Thiebant beschäftigte sich mit Fragen des Chorgesanges und meint: Sänger und Sängerinnen müssten ausgesucht werden, es dürfe keine Geselligkeit geben, Abgeschlossenheit der Probenarbeit. Es galt nur der Palästrina-Stil. Der 1801 in Meigen ins Leben gerufene Bergische Sängerkreis betrachtet sich als Deutschlands ältester Männerchor. |
| Die
Bedeutung der Geselligkeit ist hoch einzuschätzen. Nägeli bezeichnet Michael
Haydn als Schöpfer des Männerquartettes als musikalische Gattung. Schubert
schrieb Männerchöre. Laut Nägeli darf der Stil für Männerstimmen kein figurierter
sein. Männerstimmen sollen in Quniten auseinander liegen. Der Mann habe
von Natur die stärkere „Lautirkraft“. |
| Nägeli
erregte in Folge einer Vortragstournee durch süddeutsche Städte 1823/24
großes Aufsehen. In Stuttgart kam es durch den Organisten K. Kocher zum
Aufschwung des Chorwesens. Er lernte in Petersburg und später in Rom den
religiösen a-capella-Gesang kennen. Seine Schriften wurden für die süddeutsche
Liederkranzbewegung von Bedeutung. |
| Er
gründete eine Sonntagabend-Gesellschaft, in der vier Männer die Anwesenden
durch Quartettgesänge erfreuten. Dieser Gesellschaft trat auch Friedrich
Silcher bei. Webers Vaterlandlieder wurden gesungen. Am Sonntag morgen zogen
junge Männer ins Freie. Der Name „Liederkranz“ sollte das blumenreiche Gebiet
der Dichtkunst bezeichnen. Alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten.
Zu den Förderern gehörte Gustav Schwab. Tageszeitungen berichteten über
den Liederkranz. Christian Carl André erfand die Bezeichnung „Liederkranz“.
Der „Liederkranz“ veranstaltete eine Sammlung für ein Schiller-Denkmal.
In einer Schiller-Feier wurden Fr. Silcher und Ludwig Uhland Ehrenmitglieder. |
| In
einer Neujahrsrede 1826 im Liederkranz sprach Wilhelm Hauff. Der Liederkranz
entwickelte sich in Stuttgart zu einem politisch-gesellschaftlichen Brennpunkt.
In Reden wurde auf das Rechtsempfinden und auf das Freiheitsstreben Schillers
eingegangen. Bei der Schiller-Feier 1825 trat neben einem Männerchor auch
ein gemischter Chor auf. |
| Frauenchorgründungen gab es 1771 in Leipzig und 1806 in Erlangen, auch gab es da Komponistinnen wie Johanna Kinkel. Michael Haydn schrieb auch Frauenchöre. Die Vertreter der zweiten Berliner Liederschule haben einstimmige Klavierlieder zu mehrstimmigem Männergesang bearbeitet. Vorbild waren Reichardts Lieder im Volkston. Die Lieder sind einfach, alles Neue und Überraschende ist verboten. Die Werke Michael Haydns, Hachers, Lall haben sich rasch verbreitet. |
| Mozarts
Freimaurer-Kantaten sowie der „Priesterchor“ aus der „Zauberflöte“ wurden
populär. 1815 wurde der Jenaer Studentenchor gegründet. Studentenverbindungen
mit Gesang wurzelten in den Befreiungskriegen. 1814 gab es auch in Graz
einen Studentenchor. Aus dem von Friedrich Ludwig Jahn geführten Dritten
Lützowschen Freicorps, das aus Studenten bestand, hat sich 1813 ein Chor
gebildet, der sich 1815 in der Jenaer Ur-Burschenschaft fortsetzte. Wichtig
ist das Wartburgfest 1817. Webers „Lützows wilde Jagd“ war Ausdruck des
deutschen Nationalismus. Goethe hatte eine Vorliebe dafür. Auch beim Göttinger
Studentenchor erfreut sich Webers Komposition. Albert Methfessel gab 1818
das „Allgemeine Commerz- und Liederbuch“ heraus. Er hat 1810 beim ersten
deutschen Musikfest unter der Leitung L. Spohrs in Frankenhausen mitgewirkt.
Er schrieb das Lied „Hinaus in die Ferne“ und „Der Gott, der Eisen wachsen
ließ“. 1823 gründete er in Hamburg die Liedertafel. |
| Nach
dem Muster der Berliner Singakademie bildeten sich in Deutschland Chorvereinigungen:
1802 in Leipzig, 1804 in Stettin. 1807 in Dresden, 1814 in Halle, 1815 in
Bremen, 1817 in Chemnitz. Diese Chorvereinigungen nannten sich meist ebenfalls
Sing-Akademien. Andere nannten sich Singverein oder Singgesellschaft (1815
Frankfurt a. d. Oder) In Frankfurt am Main wurde der Caecilienverein gegründet.
Die häufigste Bezeichnung in Deutschland war „Musikverein“. Musikvereine
führten den Messias von Händel und Haydns Schöpfung auf. |
| Der
Lehrer Georg Friedrich Bischoff veranstaltete in der Hauptkirche zu Frankenhausen
in Thüringen das erste Deutsche Musikfest mit Haydns Schöpfung und der ersten
Sinfonie von Beethoven (20. U. 21. 6. 1810). Dirigent war Spohr. |
| Solche
Feste waren die ostpreußischen Musikfeste 1821, 1836, die Elb-Musikfeste
1825-1836 und auch in der Schweiz fanden Musikfeste statt. |
| Wie
die Berliner Singakademie wurde auch die Liedertafel Vorbild für Gründungen
in Deutschland. In Nürnberg kam es zur Gründung von Musik- und Gesangsvereinen
in Verbindung mit der Lehrerbildung. 1821 wurde der Volksschullehrer-Verein
gebildet, der im Sinn von Nägeli und Pestalozzi arbeitete. 1829 wurde die
Nürnberger Liedertafel gegründet. Auch Zuhörer konnten Mitglieder dieser
Vereinigung werden. |
| Das
engmaschige Netz von Liedertafeln war ein Ersatz für die damals noch nicht
zugelassenen Parteien. Sie wurzelten nach Klenke „zum einen in der Suche
einer tief verunsicherten, aus der christlich legitimierten Ständeordnung
entlassenen Bürgerschicht nach neuer, ebenfalls religiös fundierter Gemeinschaftsidentität,
zum anderen in dem Kampf um Selbstbehauptung gegenüber dem napoleonischen
Herrschaftsanspruch, dem es Nationalbewusstsein und nationale Einheit entgegenzusetzen
galt. |
| Das
engmaschige Netz von Liedertafeln war ein Ersatz für die damals noch nicht
zugelassenen Parteien. Sie wurzelten nach Klenke „zum einen in der Suche
einer tief verunsicherten, aus der christlich legitimierten Ständeordnung
entlassenen Bürgerschicht nach neuer, ebenfalls religiös fundierter Gemeinschaftsidentität,
zum anderen in dem Kampf um Selbstbehauptung gegenüber dem napoleonischen
Herrschaftsanspruch, dem es Nationalbewusstsein und nationale Einheit entgegenzusetzen
galt. |
| Durch die Gründung der Liedertafeln und Gesangvereine war der Anstoß für eine neue Nationalbewegung gegeben. Oberstes Ziel war die Einigung Deutschlands. Ernest Moritz Andts Vaterlandslied „Was ist des Deutschen Vaterland“ (Melodie G. Reichardt 1825) wurde bis 1870 zur heimlichen Nationalhymne Deutschlands. |
| Die
Turngesellschaften und politischen Studentenorganisationen wurden 1819/20
verboten. Die Männergesangvereine vermieden den Anschein eines politischen
„Zwecks“. 1827 wurden die schwäbischen Liederfeste gegründet. Der Frankfurter
Liederkranz veranstaltete von 28. Bis 30. Juli 1838 ein deutsches Sängerfest,
bei dem eine Mozartstiftung ins Leben gerufen wurde. |
| 1840 entstanden in West- und Norddeutschland Männergesangvereine, die die organisch-sozialen Merkmale der Liederkränze aufwiesen. Auch dort gab es Sängertreffen. Die erste auf Satzungen basierende regionale Vereinigung von patriotisch-deutschorientierten Sängerassoziationen aus verschiedenen Territorien war der Thüringer Sängerbund 1843. Es gab die Zeitung Teutonia. Auch hier gab es unterschiedliche Entwicklungen. Durch die Mitwirkung von Instrumentalvereinen entwickelten sich die Gesangfeste zu Musikfesten. Beim deutschen Sängerfest vom 4. bis 6. August 1845 wirkten 1626 Sänger mit. Auch acht Sänger aus Österreich nahmen teil. Dabei wurden Ständeunterschiede aufgelöst. |
| Von
14. bis 16. Juni 1846 fand in Köln das deutsch-flämische Sängerfest statt.
Es war ein länderübergreifendes Fest. Mendelssohn war Festdirigent. |
| Die
Sängerbewegung entstand als Männerbewegung. Bürgerliche Moralvorstellungen
in Hinblick auf die Pflege der Geselligkeit in den Männergesangvereinen
schlossen Frauen von der aktiven Mitgliedschaft aus. In konfessioneller
Hinsicht war die frühe Sängerbewegung protestantisch. Konfessionelle Spannungen
auf Sängerfesten wurden zugegeben. Protestanten wie Katholiken haben die
Sängerfeste zu nutzen verstanden. |
| Zum
fünften Liederfest des Thüringer Sängerbundes wurde von Mendelssohn ein
„Morgengruß“ komponiert. In gemischt-konfessionellen Orten wie Augsburg
bemühte man sich um Überwindung der konfessionellen Schranken. Auch Juden
bemühten sich um Aufnahme in Männergesangvereine. |
| Das Männerchorrepertoire wurde standardisiert. Verschiedene Sammlungen wurden herausgegeben. Eine breite Chorliteratur stand zur Verfügung. Die besten Komponisten und Dichter haben sich um die Entwicklung des Chorwesens verdient gemacht. Das Chorlied wurde zum Popularlied und dadurch verstümmelt. Dagegen wehrte sich Friedrich Silcher. |