Indische Musik-

ein rhytmische Fundgrube

zurück: raga/ tala music cultur
von Tommy Nawratil
ihre meinung / ihre fragen (forum)
kontakt
home
start: 21 june 2000, up-date: 14 april 2006
Ein guten Tablaspieler zu hören ist schon ein besonderer Genuß. Aber es ist auch ein wenig verwirrend und die CD booklets tragen auch nicht hilfreich zur Aufklärung des Geschehens bei. Also was ist hier eigentlich wirklich los – und kann ich als Schlagzeuger oder Saxophonistin etwas davon in meine Spielweise einbauen?
In der indischen Musik hat sich eine sehr interessante und eigenständige rhythmische Denkweise entwickelt, eine schöne Balance von intellektuellen Konzepten und sinnlichem Rhythmusgefühl. Vieles davon ist auch in anderen Kulturen bekannt wie der Begriff der "1", daß ein Takt eine Anzahl von Schlägen hat die weiter unterteilt werden können etc. Es gibt aber auch besondere Prinzipien, die sich leicht auch auf nicht-indische Instrumente wie Schlagzeug, Djembe oder auch auf Melodieinstrumente übertragen lassen, wenn man sich ein wenig darauf einlässt. Im folgenden Beitrag möchte ich anhand der Beschreibung eines Tablasolos einige davon vorstellen.
Tablasolos haben traditionell einen bestimmten gegliederten Aufbau, daher ist es wahrscheinlich daß die folgende Beschreibung auf fast jedes irgendwie zutrifft, das länger als ca.15 min ist. Nach jedem dieser Teile kehrt der Tablaspieler zum Grundrhythmus zurück, diese Teile sind daher abgesetzt wie die Kapitel eines Buches. Ein Tablasolo wird von einer Melodie (Lahara genannt) begleitet, die den rhythmischen Zyklus die ganze Zeit über und in jedem Tempo durchhält, ähnlich einer bassline. Insbesondere komplizierte Kreuzrhythmen wie Chakradars verlassen den Grundrhythmus komplett, treffen oft erst nach mehreren Zyklen erst wieder auf die 1 des Laharas und lösen so ihre Spannung auf. Entsprechend werden in einer Raga-Performance die Tabla-Einlagen vom Solisten (zB.Sitar) mit einer kleinen Melodie begleitet.
Der erste Teil eines Tabla Solos ist traditionell das Peshkar("anfangen"). Es besteht aus einem einfachen und sozusagen lyrischen Thema, das von kleinen rhythmischen Ausflügen unterbrochen wird, die dann immer mehr in Tempo und Länge ausgeweitet werden. Diese Ausflüge haben dezidiert improvisatorischen Charakter und münden stets ins Thema zurück. Zuerst wird Material des Themas verwendet, Phrasen werden wiederholt, dann wieder zB. in Triolen gespielt. Das Grundtempo ist sehr langsam (MM 40 – 60), sodaß viel Raum für verschiedene Unterteilungen der Schläge ist. Nach und nach tauchen
Teile anderer Kompositionen wie Kaida und Rela auf, das Peshkar -Thema klingt nur mehr gelegentlich durch, nicht selten mündet das Peshkar in den zweiten Teil des Solos, Kaida. Im Peshkar kommt der volle und tragende Klang der Tabla ganz zur Geltung, es ist eine Art rhythmische Poesie und Erzählkunst, oder wie es der Tablamestro Zakir Hussain ausdrückt:
"Peshkar ist wie ein Gang auf den Flohmarkt am Sonntagmorgen. Es gibt eine einfache Phrase
Dhati Dhage Dhina Gena
das ist das Umherschlendern zwischen den Ständen. Dann sehe ich links ein paar rote Äpfel
Dhatete Dhagena Dhageti Nagina.
Oh, dort gibt’s bunte Jacken, na nichts wie hin und eine anprobieren
Kitataka Tuntun Nananana Kat.
Vielleicht kaufe ich etwas, aber dann bin ich wieder am Dahinschlendern
Dhati Dhage Dhina Gena."
Es gibt viele verschiedene Arten Peshkar zu spielen je nach verwendetem Thema und vor allem durch die Art wie es entwickelt und gesteigert wird. Ein versierter Tablaspieler versteht es durch immer neue Einfälle und Überraschungen sein Publikum (besonders ein sachkundiges und sehr kritisches wie oft in Indien) zu Begeisterungsstürmen und Zwischenrufen hinzureissen und liefert so mit seinem Peshkar eine eindeudige Visitenkarte ab.
Der zweite Teil eines traditionellen Tablasolos ist Kaida("Basis"). Der Kaida ist ein fix komponiertes Thema und wird zuerst in langsamem Tempo vorgestellt und dann in doppelten oder mehrfachem Tempo entwickelt. Das Prinzip dabei ist Thema und Variation. In der Variation verwendet man dabei Teile des Themas, reiht sie neu aneinander, spielt einen Teil mehrmals hintereinander, darf auch Pausen einfügen und bringt dann wieder das Thema oder auch nur den Schlußteil des Themas und dann die nächste Variation usw.
Der Kaida wird also nach bestimmten Gesetzen entwickelt. Schüler lernen zuerst schier endlose Folgen von Variationen eines Kaidas auswendig, bis sie imstande sind selbst während des Spielens spontan eigene zu erfinden. Es gibt auch ein Unzahl von Büchern in Indien die voll sind nur mit Variationen von zwei oder drei Kaidas.
Am Ende eines Kaidas steht das Tihai. Eine Phrase mit starkem Akzent als letztem Schlag wird 3x hintereinander gespielt, zwischen den Teilen steht eine gleich große Pause und das ganze wird so angeordnet, daß der letzte Schlag der letzten Phrase mit der 1 des Grundrhythmus zusammentrifft. Es ist also in der Regel ein Kreuzrhythmus der zweimal den Eindruck einer "falschen" 1 vermittelt bevor er sich in Wohlgefallen auflöst (durch das Zusammentreffen mit dem Lahara). Tihais sind sehr häufig gespielte Phrasen und kommen nicht nur auch in allen anderen Teilen der Tablaperformance vor, sondern werden auch in der melodischen Improvisation gerne verwendet um einen Abschnitt abzuschließen.
Das klingt vielleicht kompliziert, ist es aber gar nicht und soll mit ein paar Beispielen erläutert werden. Angenommen der Grundrhythmus hat 8 Schläge so gibt es zB folgende Möglichkeiten (jeder Schlag ist einen Unterstrich lang, die lautmalerischen Tablasilben geben auch ohne Instrument eine gute Vorstellung von dem Effekt):
1 2 3 4 5 6 7 8 1
in Achteln: / DhaDha tete Dha - DhaDha tete Dha - DhaDha tete / Dha
oder: / - - - Dha tete Dha - Dhate teDha - Dha tete / Dha
in Triolen: / Dhinagi naDha - - - - - Dhina ginaDha - - - - - Dhi nagina / Dha
Die einzelne Phrase eines Tihai kann wiederum selbst ein Tihai enthalten, das ganze heißt dann Chakradar.
Damit sind wir schon bei der nächsten Sektion eines Tablasolos: den fixen Kompositionen. Zumeist wird hier auch das Tempo gesteigert (MM ca. 180 – 260). Es gibt verschiedene Arten wie Gat, Tukra, Paran, Tipalli Farmaishi Chakradar. Oft sind es sehr alte überlieferte Stücke die von Vorläufern der modernen Tabla (gibt’s erst seit ca. 400 Jahren) stammen, andere sind aus neuerer Zeit. Allen gemeinsam ist daß sie ohne Improvisation gespielt werden. Hier ein Beispiel für ein kleines Chakradar, man beachte dabei daß sich die Zahl der Akzente auf 9 erhöht hat und der letzte Akzent auf einer 1 zu liegen kommt.
/ Kitataka terekete Dha - keteDha - - - kete Dha - Kita takatere keteDha - /
/ - - kete Dha- keteDha - Kitataka terkete Dha - keteDha - - - kete / Dha
Es ist eine schöne und lohnende Übung, sich solche Figuren selbst auszudenken und auf allen möglichen Instrumenten zu spielen (zB. indem man eine Melodie zu dem Rhythmus erfindet).
Chakradars und auch andere fix komponierte Tablastücke können nach vielen verschiedenen Mustern aufgebaut sein. Eines der wichtigen Prinzipien heißt Chhand (sprich: Tschand). Das bedeutet einerseits die Anzahl der Anschläge pro Beat (also 4= 16tel 5=Quintolen etc.), andererseits spricht man auch von Chhand wenn zB einer 16tel Groove 3er oder 5er etc. Gruppen überlagert werden, sodaß eine rhythmische Verschiebung entsteht. Ungewöhnlich ist aber, wie das zB. in fixen Kompositionen eingesetzt wird.
Man nehme eine kleine Phrase, spiele sie in zB. 2er 3er und 4er Chhand, ordne die drei resultierenden Phrasen gezielt auf die 1 an uns schon hat man ein recht interessantes Tihai gekocht:
/ - - Dhati kaDhe tete kate gadi gene Dha - /
/ Dhatika Dhetete katega digene Dha - - DhatikaDhe tetekate gadigene / Dha
Daß solche Geschichten von findigen indischen Meistern die ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht haben auf unglaubliche Höhen getrieben wurde, läßt sich leicht vorstellen. Vor der Zeit der Tonaufzeichnung wurden Kompositionen sogar als Mitgift gehandelt, denn sie werden so schnell gespielt daß an Aufschreiben nach dem Gehör nicht zu denken ist.
Der letzte Teil eines Tablasolos ist Rela ("eine Flut"). Relas sind ähnlich wie Kaidas Stücke, die von einer kleinen Komposition ausgehen und dann variiert werden. Der Unterschied liegt hauptsächlich im Tempo: Relas werden so schnell gespielt, daß die einzelnen Anschläge fast nicht mehr hörbar sind sondern eben eine Flut von Tönen auf den Zuhörer herniederprasselt aus denen nur die verschiedenen Klangfarben der Tabla herausleuchten und so einen zweiten Rhythmus über das rasende Grundtempo legen. Hier kann der versierte Tablaspieler seine ganze Technik und sein Durchhaltevermögen zeigen. Bei den schnellsten Relas die ich gehört habe, habe ich mir ca. 20 Schläge pro Sekunde ausgerechnet, und das über Minuten hinweg.
Ins Rela werden auch gerne fixe Kompositionen eingeflochten und eine solche mit Tihai steht auch am Schluß einer Soloperformance.
Ich hoffe Appetit auf Tablamusik oder indische Musik überhaupt gemacht zu haben, die auf eine Jahrtausende währende eigenständige Entwicklung zurückblickt und offenen Ohren weit jenseits aller Guru- und Räucherstäbchenklischees viel Anregendes und Schönes zu erzählen weiß.