Die Mihterchane

bei der Schlacht

von Mohacs

 
zurück: inhalt
dr. memo g. schachiner
ihre meinung/ ihre fragen
home
start: 10 october 2005, up-date: 10 october 2005
contact us
 
"Eine herausragende Stellung nahm bei den Türken die Militärmusik, der sogenannte Mehter, während der Schlacht ein. Die Militärkapelle spielte während der Schlacht in der ersten Reihe, um die Kämpfenden zu motivieren." Tomenendal, 2000, S42, A142B
Können wir den Osmanen wirklich eine derart ausufernde Nicht -Habgierigkeit vorwerfen, dass sie die sündteuren Musiker der Mihterchane "während der Schlacht in der ersten Reihe" als Kanonenfutter verwendeten?
Am besten betrachten wir die linksstehende Buchmalerei näher:
In der allerersten Reihe liegen die gefallenen gepanzerten Ritter der Ungarn.
Einige gepanzerte Spahi (=Reiter) der Osmanen stechen deren Leiber mit ihren Lanzen.
Eine größere Reserve der Spahi wartet hinter ihnen gelassen darauf, ob sie überhaupt gebraucht werden.
Mit einem geräumigen Abstand zum Kriegsfeld schreitet der Schimmel des Sultans gemächlich dahin. Mit dem nach hinten geworfenen Kopf stolziert Sulejman II. wie ein Pfau.
Gleich hinter ihm reiten seine hochrangigen Privatdiener, auch genannt Mihterchane, Mihterchane-i Chajme (= Haus der Höheren des Zeltes, gem. die hochrangigen Diener des Sultanzeltes im Krieg), auch Janitscharen, ebenso mit geneigten Köpfen.
Hinter ihm sind die Bodyguards, zu Fuß, Janitscharen auch, mit geneigten Köpfen.
Links von ihnen sind die Aghas, die Kommandanten der Janitscharen. Sie stehen gerade.
Schlacht bei Mohacs an der Donau. Osmanische Buchmalerei von ca. 1575. img0000000408
 
All diese, verschiedenen Abteilungen zugehörigen Janitscharen tragen breite Goldborten auf ihren "Ketsches" (= Filz, gem. die Filzmützen der Janitscharen) gewickelt.
 
Erst hinter allen anderen sehen wir die kerzengeraden, stolzen Musiker der Mihterchane.
Da sie gleich hinter dem Sultan Stellung genommen hat, ist die Kapelle die "Mihterchane- i Chassa" (=Das Privathaus der Höheren; gem. persönliche Kapelle des Sultans).
Hinter ihnen sind die Standarten aufgestellt. So ist die Kapelle die "Tablchane-i Alem- i Chassa". (=Trommelhaus der privaten Fahne, gem. persönliche Standarte des Sultans).
 
Tablchane-i Alem- i Chassa
 
Jetzt schauen wir uns die Tablchane-i Alem- i Chassa des Sulejman II., des Prächtigen, näher an.
Die Musiker tragen ähnliche Kopfbedeckungen wie der Sultan. Sie gelten als Gelehrte des sunnitischen Islam. (Ob sie wirklich Gläubige des Islam sind, spielt hier keine Rolle. Sie "repräsentieren" hier den Staat samt seiner Ideologie).
Die Tablchane bei der Schlacht von Mohacs. Ausschnitt aus der oben abgebildeten Buchmalerei. img0000000409
 
Sie sind die Repräsentanten der Tabl-i Alem (=Die Trommel der Fahne, Herrschaftssymbol der Osmanen). Hinter ihnen sind die Standarten aufgestellt..
Die drei Pferdeköpfe, die wir vorne im Bild sehen, sagen uns, dass die Musiker beritten sind.
Hier sind 2 Nafiir (=Trompeten), 3 Surna (=Schalmaien), 2 Paar "Sill" (=Becken) und 2 Tabl (=Trommeln) zu sehen.
Es fehlen uns hier noch zwei Instrumente der Standardbesetzung der Mihterchane: Naqqaaare (=Kleine-) und Kuuss (=Große Doppelpauken).
Dafür sehen wir die 1. und 4. Köpfe der Musiker von rechts, ohne ihre Instrumente anblicken zu können.
 
In den folgenden Kapiteln werden wir anhand der historischen Dokumente feststellen, dass in der Tablchane-i Alem- i Chassa des Sulejman II. des Prächtigen kein Musikinstrument der Mihterchane fehlte.
Was bedeutet hier die zweifache Ausführung der dargestellten Instrumente?
Ganz einfach: Dass sie "mehrfach" vorhanden sind, aber nicht in ihrer vollen Anzahl ins vorgesehene Bildfeld hineinpassen.
Und warum sind die Surna 3fach dargestellt?
Und warum ist die 1. Surna länger als die anderen?
Die erste ist eine Kaba (=Grob; gem. tiefklingend, Bass)- Surna, und die weiteren sind die Djura (=Hochklingend, Diskant)- Surna.
Das ist auch eine Andeutung auf die Mehrstimmigkeit der Mihterchane. (Nicht zu verwechseln mit der tonalen Dur- Moll- Harmonik).
Die genauere Besetzung der Tablchane-i Alem-i Chassa des Sultans Sulejman II. werden wir erst bei der ersten Wienbelagerung feststellen können.