Was heißt

"Türkenkriege"?

 
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dr. memo g. schachiner
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start: 10 october 2005, up-date: 10 october 2005
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Wie ich bereits unter dem Artikel "Was heißt Türk?" dokumentierte, war der "Türk" weder eine ethnische, noch eine nationale, noch eine Rassenbezeichnung gewesen. s: "Was heißt Türk"
 
Seit den Kreuzzügen war der "Türck", der "Erzfeindt Christi".
Dieser Begriff stand für ein Fantasieobjekt als Feindbild da, welches im Laufe der Jahrhunderte mit immer neuen Fantasie- Eigenschaften und -Attributen ausgestattet wurde.
Mit Beginn der Expansion des osmanischen Reiches auf Kosten der christlichen Länder wurden die Osmanen zu "der Türck" schlechthin.
 
Obwohl der Begriff "Türkenkriege" historisch gesehen "authentisch" ist, ist es ein rein zeitkategorischer und ideologischer Propagandabegriff.
Eine geschichtswissenschaftlich korrekte Bezeichnung dafür wäre, die aber leider TR-intern wie -extern kaum von den weiteren KollegInnen verwendet wird, "Die Kriege zwischen den habsburgischen und osmanischen Monarchien".
Denn von diesen Kriegen profitierten weder eine Volks- noch eine Religionsgemeinschaft. Auf Kosten der vorher Erwähnten kämpften beide Feudal/ Militär-Herrschaften um den Profit ihrer Häuser, also um die Macht und die Steuerabgaben vor allem der verachteten Bauern.
 

Zur Zeit der zwei Wienbelagerungen war weder die türkische Nation, noch die türkische Rasse "erfunden".
Zum Beispiel kämpften die Tataren, die Moldawier und den Bejlerbeji von Dijarbekir untergeordnete Kurden jeweils unter ihren eigenen Standarten.
Falls Individuen des Erzfeindes der Osmanen, die heterodoxen Turkmenen, bei den "Türkenkriegen" teilgenommen haben sollten, mussten sie sich anders deklarieren.
 
So werden die Türkenkriege im Folgenden als "Die Kriege zwischen den habsburgischen und osmanischen Monarchien" bezeichnet.
 
Krieg der Religionen
 
Kann man die Kriege zwischen den habsburgischen und osmanischen Herrschaften als Religionskriege bezeichnen?
Kaum.
 
Obwohl die Religion für die beiden Streitparteien als Staatsideologie diente, waren die wahren Kriegsgründe immer, Macht und Reichtum zu erlangen.
Die Osmanen waren offiziell die Beschützer und Verbreiter des sunnitischen Islams. So waren sie nicht nur Feind der nicht-sunnitischen Muslime, sondern "für die Staatsinteressen" immer wieder mit den Christen gegen die Muslime verbündet.
Die Habsburger waren offiziell die Beschützer und Verbreiter des katholischen Christentums. Somit waren sie zuerst einmal gegenüber den nicht katholischen Christen feindlich gesinnt. Karl V. war Feind des katholischen Frankreich, und verbündete sich in Tunis mit den Muslimen gegen die Osmanen, und die "allerchristlichsten" französischen Könige waren Verbündete der Osmanen.
 
Die Osmanen ließen, obwohl sie ihre Verwüstungen, Massaker und Eroberungen mit dem Konzept des "Djihad" (=Heiliger Krieg) legitimierten, sobald ein Land an sie Tribut zu zahlen bereit war, dessen Bevölkerung in den religiösen Angelegenheiten frei.
 
So suchten immer wieder die nicht katholischen Christen im habsburgischen Reich den Schutz der Osmanen.
 
Der Propagandakrieg
 
Der Feindbildbegriff "Türck" der Habsburger hatte den Gegenbegriff der Osmanen "Kaafiir" oder volkstümlich "Gawur". Da Gott den Christen durch "Prophet Jesus" ein Buch gesandt hatte, durften diese sich nur mit einer Tributzahlung an den Sultan von Gawur zum "Reaja" (=Gehorsamer Untertan) umwandeln.
 
Die Bevölkerung der Länder, deren Herrschaft und Renten die beiden Reiche für sich beanspruchten, sollte sich gegen die jeweils andere verteidigen.
Jedoch überlegten die Bauern aus verschiedenen Aspekten, wer ihr "Schutzgeld" kassieren sollte.
Das Schutzgeld sollte angemessen und der Schutz gegen die Konkurrenz wirklich gewährt sein, weiterhin sollten sie ethnisch und religiös selbständig bleiben usw.
Unter all diesen Aspekten gesehen waren die osmanischen Angebote öfters besser als die der Habsburger.
So war die Verbreitung der Feindbilder für die Motivierung der Völker, die sich an den Kriegen beteiligen sollten, und ihre Entscheidung , wer sie beherrschen und ihre Steuerabgaben kassieren sollte, für die beiden Streitparteien enorm wichtig.
 
Da die Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnte, wurden die "Tirck"- und "Gawur"- Konzepte in den Staatskanzleien ausgearbeitet und durch die Kirche, bzw. Moschee, großflächig verbreitet.
 
Die wahren Kriegsgründe
 
In der Phase der militärischen Überlegenheit der Osmanen war der eigentliche Kriegsgrund die Herrschaft über Ungarn.
 
Die Rückkehr von meistens im Frühjahr beginnenden Ungarnfeldzügen erfolgte erst im Herbst.
Ein Riesenheer von fast 200.000 Mann hin und her zu führen und während der langen Reise zu versorgen, war ein sehr kostspieliges Unternehmen.
In den eroberten weiten Ländern eine große Besatzungsarmee zu hinterlassen, hätte die Schlag- und Verteidigungskraft des osmanischen Heeres wesentlich geschmälert.
Daher ließen die Osmanen solche Länder von ihren einheimischen Schützlingen, Vasallen, verwalten und kassierten von ihnen Tribute.
Die Unterstellung des gesamten Ungarn unter Vasallentum (Vasallentümer) würde den Osmanen
a) satte jährliche Tributzahlungen bringen und,
b) die Herrschaft über Südosteuropa absichern.
Dann würde das osmanische Heer nur bei eventuellen Aufständen und Untreue zur "Bestrafung" eingesetzt sein.
Ferdinand I. stellte Herrschaftsansprüche auf Ungarn und durchkreuzte die Pläne des Sulejman II.
Sulejman II. war von seiner militärischen Übermacht überzeugt und griff die Habsburger an.
Damit begannen die jahrhundertelang dauernden Kriege zwischen beiden Monarchien.
 
Die Wienbelagerungen
 
Die Eroberung Wiens war kein eigenständiges Ziel der Osmanen.
In Wien hatten die Osmanen keinen einheimischen Verbündeten, der als ihr Vasall eine Herrschaft über die Stadt hätte durchsetzen können.
Mit einer großen Besatzungsarmee das eroberte Wien abzusichern, war für die Osmanen nicht profitabel:
Eine Ausplünderung Wiens würde die enormen Kosten eines Feldzuges und einer Belagerung kaum decken.
 
Aber im Falle der Eroberung Wiens eingesetzte Massaker und Verwüstung würden die Habsburger bestrafen und von den Ansprüchen auf Ungarn abschrecken.
 
Obendrein würde sich der Eroberer seines großen Ruhmes erfreuen können.
 
Die Phase der militärischen Überlegenheit der Habsburger
 
In den späteren Phasen der habsburgisch- osmanischen Kriege waren die Habsburger die Stärkeren.
Jetzt waren sie an der Reihe, ihr Herrschaftsgebiet zu erweitern.
Mit der Absicherung der habsburgischen Herrschaft über Ungarn war die Herrschaft der Osmanen in Südosteuropa nicht mehr sicher. Nun konnte das habsburgische Reich auf Kosten der Osmanen erweitert werden.
So begannen die habsburgischen Eroberungen im "Balkan".