Das Schicksal der

St. Georg- Kapelle

 
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dr. memo g. schachiner
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start: 10 october 2005, up-date: 10 october 2005
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(In einer sehr stark gekürzten Fassung übernommen aus meiner noch nicht veröffentlichten Arbeit: "Rückkehr zum Leben, das grüne Präludium in der Religionsgeschichte")
Was war vorher?
Alle AutorInnen der TR sind einig, dass die Osmanen von ihren Anfängen an über eine Mihterchane verfügten.
Trotzdem wiederholen alle, ohne Ausnahme, buchstäblich den folgenden Satz:
"Über die "Mehter" bis zur Eroberung Istanbuls wissen wir leider nichts".
Obwohl im vorigen Jahrhundert soviel über die Feldmusikkapelle des osmanischen Hofes geschrieben wurde, machte sich vor mir keine MusikwissenschafterIn die Mühe, diese Ära zu erforschen.

Die Roma im Byzanz

In ihrer langdauernden Auswanderung von Indien nach Westen sind die Roma im byzantinischen Territorium bereits ab dem 12. Jahrhundert nachweisbar.
Sie übernahmen hier nicht nur die christlichen Religion, sondern auch viele ihrer Traditionen.
Die Roma und die Osmanen
Nach Eroberung des Adrianopel 136?, lernten die Osmanen dort ein "neues" Volk kennen.
Dieses Volk verfügte über hervorragende Reiter, Pferdeakrobaten und Kampfsportler. Sie wurden für die Ausbildung der neuen Truppe eingesetzt.
Sie verfügten über guten HandwerkerInnen, die die Metalle, Leder usw. bearbeiten konnten. Sie machten die osmanischen Nomaden von den byzantinischen Handwerkern unabhängig und wurden für die Ausrüstung der neuen Truppe eingesetzt.
Sie waren weder Griechen, noch Turkmenen, noch gehörten sie zu einer anderen Volksgruppe der Umgebung.
So konnten die Osmanen sie ohne Bedenken bei der Eroberung der umliegenden Fürstentümer einsetzen.
Somit wurden die Roma am Anfang die soliden Verbündeten der Osmanen.
Haghios Gheorghios
Wichtigste Schutzpatron der Roma war "Haghios Gheorghios" (=St. Georg, griech.).
Zu seiner Ehre wurde jedes Jahr Anfang Mai ein riesiges Fest veranstaltet.
Hier wurden neben den religiösen Ritualen hippische und gymnastische Spiele dargeboten.
Was noch wichtiger war: Es fand hier mit der Beteiligung der reichen Leute aus den Nachbarländern ein Rennpferde-Jahrmarkt statt. Und das brachte Geld ins Haus!.
Die Patronanz dieses Festes übernahmen die Osmanen von den byzantinischen Adeligen und sorgten bis zum Ende ihrer Dynastie, dass diese Einnahmequelle erhalten blieb.
Wurzeln des St. Georg-Kultes
Die Wurzeln des St. Georg-Kultes gehen bis zum Tammus-Kult des antiken Mesopotamiens zurück.
Im antiken Griechenland fand dieser Kult vor allem u.a. in den olympischen und delphischen Kultspielen Niederschlag.
Bei den christlichen Byzantinern wurde dieses Kult mit gewissen Veränderungen "christianisiert" und als Haghios Gheorghios (=St. Georg)- Kult weiter gepflegt.
St. Georg und sein Kult wurde von den Roma nicht nur übernommen, sondern er wurde sogar zum Schutzheiligen der Roma erkoren.
Chidir- Elles, Erdelesi, Ederlesi
Die christlichen Roma begegneten nach der osmanischen Invasion in Adrianopel den Alevi- Bektaschi.
Auch diese feierten zur selben Zeit ein Fest, das auf die gleichen kultischen Ursprünge zurückzuführen war.
Sie feierten aber nicht zu Ehren von St. Georg, sondern auf die von zwei verschiedenen Schutzpatronen, Chidir und Elles, die kulturhistorisch andere Erscheinungen des St. Georg- Kultes waren.
So wurden die Feste der beiden Religionsgemeinschaften am Anfang zusammen gefeiert und die Rituale dementsprechend erweitert.
Nach dem (zum Teil scheinbaren) Übertritt der Roma zum Islam wurde das Fest "Erdelesi", oder "Ederlesi" benannt.
Unter diesem Namen wird dieses Fest von den Roma in Südosteuropa und in der Türkei heute noch immer gefeiert.
Kirkpinar und die Abschaffung der Ederlesi
Atatürk, der Gründer der türkischen Nation, konnte auf keinen Fall ein Fest einer "niedrigen Rasse" in der Republik der Türkei dulden. Er verbot das Ederlesi- Fest und beauftragte seinen Sportminister Selim Sirri (mit dem "Sippennamen-Gesetz" bekam er den Nachnamen "Tarcan") dieses mit einem "nationaltürkischen Fest" zu ersetzen.
So entstand das "traditionelle", jährliche "Ölringkampffest" der türkischen Rasse, die aus Zentralasien kam, und das seit Murad I. in Edirne (=damals Adrianopolis) gefeiert wurde.
Leider wussten weder Atatürk noch Selim Sirri, dass es in Zentralasien weder Olivenhaine noch Ölpressen gaben.
Haghios Gheorghios - Kapelle
Obwohl das historische Ritualfest der Roma längst zum kommerziellen "türkisch- nationalen" Sportspektakel umgewandelt wurde, fanden die TR- Behörden bis heute keine Alternative, die auch touristisch sehr interessante historische Haghios- Gheorghios- Kapelle der Roma zu ersetzen.
Die Kapelle besteht heute aus etwa 50 "Davul" (=kreisförmigen Doppelmembrantrommeln), und 50 "Djura Surna" (=Diskant-Schalmeien).
Historisch (auch heute in den privaten Hochzeitsfesten der Roma der Gegend noch zu hören) kamen dazu noch einmal halb soviel "Kaba Surna" (Bass-Schalmeien) für das mehrstimmige Bordunspiel.
Militärmusikkapelle der Osmanen bis zur Eroberung Konstantinopels
Die Festkapelle der Roma wurde die Feldmusikkapelle des Murad I.
Bis zur Eroberung Konstantinopels war diese Kapelle die Militärmusikkapelle der Osmanen bei ihren Feldzügen und Festungsbelagerungen.
Dieselbe Kapelle ist noch bei der Eroberung Konstantinopels nachweisbar.