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dr. memo g. schachiner
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start: 10 october 2005, up-date: 10 october 2005
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Das musikwissenschaftliche Dogma der TR
In der neu gegründeten Republik der Türkei wurden die Volks-, Liturgische- und Kunst-Musikkulturen des osmanischen Reiches verboten.
Zugleich brauchte die frisch geschaffene "älteste Nation der Welt" eine Geschichte der "aus Zeitgründen ausrangierten" "türkischen" Musik. (1)
Das undiskutierbare Dogma der Musikwissenschaft der TR verdanken wir Hüseyin Saadettin Arel.
Er verfasste das Hauptwerk der modernen türkischen Musikwissenschaft, "Türk Musikisi Kimindir" (= Wem gehört die Türkische Musik) und veröffentlichte sie in vierzehn Artikeln, April 1939 - November 1940, wie erwartet, in der Zeitschrift "Türklük" (="Türkentum"). Arel, 1940, 1969, A287B
Der Großteil dieses Werkes, welches später auch von den TR- externen Autoren teilweise übernommen wurde, ist der "wohlverdienten" Beschimpfung Kiesewetters, Hammer-Purgstalls, Riemanns, Ellis´, Helmholtz´, d´Erlangers, Farmers, Hatherlys, Wellesz´ und einer langen Reihe von anderen "Türkenfeinden" gewidmet.
Arel beweist uns in langen Abhandlungen, dass die "Türk Musikisi" von keiner anderen Musikkultur beeinflusst sein konnte und dass vielmehr die türkische Rasse die Menschheit nicht nur mit der Zivilisation, sondern auch mit der Musik beglückte.
Er belehrt uns auch, wie wir zur Musik kamen:
"Die türkische Nation, welches Land sie immer besetzte und dort länger blieb, schuf entweder dort die lokale Musik ab und ersetzte sie durch ihre Musik, oder drückte der lokalen Musik ihren Stempel auf: Ungarn, Ägypten, Irak, Syrien, Bulgarien, Jugoslawien, Indien, Algerien, Tunis, Rumänien..." (Ü: mgs) Arel, 1969, S. 162, A287B
Er vergisst auch nicht, uns auf den Ursprung der Musik hinzuweisen:
"Das Vorbild der heutigen westlichen Zivilisation ist die Sümer (Sumerer, beim Arel sind sie Sümer- Türkleri= Sumerer Türken; mgs) - Zivilisation." (Ü: mgs) Arel, 1969, S. 162, A287B
"Mein noch nicht erörtertes großes Argument ist die Tatsache, dass die Türken ihre Musik weder von hier noch von dort gestohlen, sondern vom fernen Zentralasien mitgebracht haben.
Diese Tatsache ist über alle Behauptungen, Überlegungen und Diskussionen erhaben und leuchtet wie die Sonne." (Ü: mgs) Arel, 1969, S. 163, A287B
Das Argument ist wirklich sehr erhaben und erleuchtend. Wir können weiteres Komödiantentum der Musikwissenschaft ruhig darauf aufbauen.
Er verspricht, auch den Ursprung der "Türk Musikisi" zu erörtern, bleibt uns das aber leider schuldig.
Damit wurden die Methoden der "modernen türkischen Musikwissenschaft" bereits festgelegt und sind beliebig einsetzbar.
"In der Zukunft wird die Musikgeschichte vor dem Arel und nach dem Arel betrachtet." (Ü: mgs) Arel, 1969, S. 83, A287B
Die TR- Interne Forschung
Auch die Autoren in dem "Kernland der Janitscharen" (2) begannen relativ spät sich für dieses Thema zu interessieren:
Ibrahim Hakki Konyali schrieb 1942 "Istanbul Saraylari, Atmeydani Sarayi- Pertev Pasa Sarayi, Cinili Kösk". Konyali, 1942, B421B.
Sein Anliegen war nicht die Mihterchane, sondern die Registrierung und Erhaltung der dem Zerfall überlassenen Denkmäler Istanbuls.
Bei seinen Recherchen entdeckte er einige Primärquellen (alt-osmanische Urkunden) über die Mihterchane und veröffentlichte sie zum ersten Mal.
1945 veröffentlichte Ismail Hakki Uzuncarsili "Osmanli Devletinin Saray Teskilati" (=Serail- Organisation des osmanischen Staates). Uzuncarsili, 1945, B5461B, B5462B
Obwohl hier nur sehr wenige Seiten der Mihterchane gewidmet wurden, untersuchte er einige weitere alt-osmanische Dokumente und zitierte einige osmanische Chronisten.
1955 erschien "Türk Askeri Muzikalari Tarihi" (Geschichte der türkischen Militär- Musikas) von Mahmud Ragip Gazimihal. Gazimihal, 1955, A2512B
Sein Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit der "neuen", nach "europäischem" Muster gebauten Militärmusik des osmanischen Hofes, bzw. der TR, deren Geschichte in Konstantinopel 1928 mit Giuseppe Donizetti begann. Hier wird die Mihterchane in einem vorangestellten Kapitel als eine quasi rückständige Vorgängerin der modernen Kapellen eingeführt.
Er übernahm die bereits vorher erwähnten Untersuchungen der Primärquellen von Konyali und Uzuncarsili, bereicherte sie mit einigen Paraphrasen von Werken der osmanischen Chronisten und dichtete dazu seine "Zentral- Asien" Legenden.
Die bekanntesten diesbezüglichen TR- interne Arbeit schrieb aber Haydar Sanal:
"Mehter Musikisi". Sanal, 1959, A289B
Das war die erste Buchveröffentlichung in der TR, das zur Gänze der Mihterchane gewidmet war. Sanal übernahm die Quellen und Ansichten der vorangegangenen Autoren, samt der Theorie Gazimihals, dass "die Militärmusik aus Zentralasien kommt", die nur mit "eine(r) zeitgenössische(n) chinesische(n) Quelle (???; mgs)" "nachgewiesen" wird. Gazimihal, 1955, S. 1, A2512B
Sanal rekonstruierte zum ersten Mal die Mihterchane auf diesem bereits erstellten Wissen, wenn auch sehr laienhaft, "systematisch".
Weiterhin war er der erste Autor, der auf Grund einiger historischer Transskriptionen der Europäischen Zeitzeugen, die Musik der Mihterchane zu analysieren versuchte.
Nach Panoff und Farmer war mit Sanal das "Dreigestirn" des musikwissenschaftlichen Kanons über die Feldmusik und -Kapelle des osmanischen Hofes komplettiert.
Nunmehr wurden die Ansichten dieser drei Autoren, TR- intern wie -extern, mit oder ohne Erwähnung der paraphrasierten Autoren, unzählige Male kopiert.
Mit Vorsicht zu genießen
Die Arbeiten der erwähnten TR- Autoren sind durchaus ernst zu nehmen. Manche ihrer Erkenntnisse werden auch von mir bestätigend zitiert.
Leider stellten auch sie, wie viele andere TR- AutorInnen, ihre Forschungen in den Dienst der "türkisch"-nationalistischen Ideologie.
So wurden z.B. die historisch osmanischen Begriffe türkisiert, um mit vielen Wortspielen den "türkischen" Ursprung von der Musik bis zu den Musikinstrumenten nachzuweisen und alles auf Zentral-Asien, dem sog. Ursprung der türkischen Rasse, zurückzuführen.
Sogar bei den wörtlichen, aus der Lisan-i Osmani übernommenen und TR- Türkisch geschriebenen Zitaten werde ich Vorsicht ausüben. Denn das TR-Latein-Alphabet enthält manche Konsonanten der Lisan-i Osmani nicht und weil die zitierenden Autoren sich zusätzlich bemühten, die Wörter "türkisch" klingen zu lassen, bleiben die Missverständnisse nicht ausgeschlossen..
Weiterhin ließen TR- Autoren auf Grund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse, die nicht-türkischen und nicht-osmanischen Primärquellen außer Acht, während sie Panoff und Farmer als "Autoritäten" zum Zeugenstand riefen, um ihre eigenen ideologischen Argumente zu bestätigen.
Die AutorInnen aus der TR brachten in Teilbereichen manche neuen Erkenntnisse in der Forschung, wiederholten aber im Allgemeinen dasselbe "Allgemeinwissen" und bereicherten es noch mit der üblichen Fixformel der TR- Musikologen:
Wie in der übrigen Musik, wurde auch durch die "Musik der Janitscharen" die Menschheit von den "Türken" beglückt.
Die Musik, die Musiknotation und alle Instrumente wurden von den "Sümer Türkleri" (=Sumerer Türken) erfunden, von den "Eti Türkleri" (=Hethiter Türken) verwendet und in das musiklose Anatolien von den "Oguz Türkleri" (=Oguz Türken) aus "Zentralasien" importiert. Die "Osmanli Türkleri" (=Osmanen Türken) brachten die Musik mit der Janitscharen-Kapelle (von den TR- Autoren Mehter benannt) nach Europa.
"Mozart Türkleri" blieb nur übrig, sie zu spielen.
Da die Türken die älteste Nation der Welt (7000 Jahre Geschichte!!!) sind, ist die von ihnen aus Zentralasien gebrachte sog. "Mehter" die älteste Musikkapelle der Welt.
Das Ping- Pong Spiel
Zahlreiche westliche Wissenschafter, die in der Türkei Feldforschung trieben, nahmen zumindest Teile dieser Ansichten mit in ihre Veröffentlichungen.
Denn, wenn die WissenschafterInnen sich als gutgläubige Gutmenschen bekannt gaben, übernahmen die TR- Ministerien nicht nur die Kosten ihrer Aufenthalte in der Türkei, und ließen sie nicht nur von den auf ihren Knien laufenden Knechten bedienen und bewirten, sondern übernahmen für sie selbstverständlich auch die "Feldforschung", ließen die ideologisch fundierten Schulbücher der TR von einem Handelsdolmetscher in der höchsten Absurdität übersetzen und gaben sie ihnen als Rückreisegepäck mit.
So ist es kein Wunder, dass die Bücher mancher TR-externen namhaften AutorInnen mit dem Dank an die Gastfreundlichkeit des türkischen Volkes beginnen und die Musik der Kurden, Armenier, Griechen, Lasen, Tscharkassen, Araber... uns als "türkische Volksmusik" liefern.
So zitierten die TR- AutorInnen wieder namhafte TR- externe AutorInnen, um ihre ideologischen Weisheiten zu bestätigen.
Karl Signell ist eine Ausnahme:
"In the modern Republic of Turkey, the term "Turkish" has become to mean many things. In a quest for a national identity in the 20th century, some Turks have been led to claim equally the civilization of the ancient Hittites and the language of the present Turkic tribes of Central Asia as Turkish. On the other hand, the much closer heritage of the Ottoman period is often rejected by these same people, who wish to disassociate themselves from this latter symbol of backwardness and corruption." Signell, 1977, S. 1, A185B
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(1) Der Kultur- und Musikpolitik der TR widmete ich ein eigenes Buch: "Die Kunstmusik des osmanischen Hofes: Eine verschwundene Musikkultur?", Memo G. Schachiner, 2002, D00100000100W
(2) Begriff von Peter Panoff. Panoff, 1938, A26413B