Die "TR- externe" Forschung

zurück: inhalt
dr. memo g. schachiner
ihre meinung/ ihre fragen
home
start: 10 october 2005, up-date: 10 october 2005
contact us
 
Janitscharenmusik= Türkische Musik
 
 
 
 
Ich weiß, was die/ der Wohlgeneigte LeserIn sich jetzt über den oben stehenden Titel denkt:
 
Darüber weiß ich alles, was man/ frau wissen sollte.
Schließlich sind die Janitscharen sehr imposante historische Figuren gewesen und es ist über sie sehr viel geschrieben worden.
Das trifft auch auf ihre Musik und die Einflüsse ihrer Musik in Europa zu.
 
Es wird manche LeserIn verwundern, dass jemand sich die Mühe macht, über ein derart abgedroschenes Thema eine dreiteilige Bücherreihe zu schreiben.
 
img0000000120, Ein "musizierender Janitschar" nach Vorstellung des Kulturministeriums der TR
Desiderat der Musikwissenschaftlichen Forschung
Das Wissen über die Janitscharen, ihre Musik, ihre Kapelle, ihre Instrumente, ... und ihre Einflüsse auf die europäische Musikkultur gehört bereits zum "Allgemein- Wissen".
Und dieses "Allgemeinwissen", das wir alle bereits wussten, basiert auf den ziemlich übereinstimmenden Einsichten der verschiedenen AutorInnen des letzten Jahrhunderts.
Die Literatur des 20. Jahrhunderts über die Janitscharen und ihre Musik ist wirklich sehr reichhaltig, wiederholt aber nur eben das, "was wir alle bereits wussten".
Diese einander kopierende Lektüre der absichtlichen und unabsichtlichen Irrtümer zu suchen, sammeln und lesen war für mich eine mühselige und relativ langwierige, manchmal aber auch belustigende Beschäftigung.
Jedoch, da ich das Rad nicht noch einmal erfinden wollte, war diese Mühe unvermeidbar.
Erst dann konnte ich mich von dem Desiderat der bisherigen Forschung und von der Notwendigkeit meiner eigenen Arbeit überzeugen.
Die Kernaussage des Zeitgenössischen Wissens
Die Kernaussage der diesbezüglichen musikwissenschaftlichen wie sonstiger Literatur, welche ich nach einigen hundert Büchern und Artikeln nicht mehr ausstehen konnte aber musste, ist Folgendes:
1) Die Musikkapelle der Janitscharen- (=oder Türken):
a) Die Janitscharen- Musikkapelle ist (=) die türkische Kapelle. "Die Janitscharen- Musik" ist (=) die "Türkische- Musik".
b) Die Janitscharen waren die Elitegarde der türkischen Armee. Mehter war die Musikkapelle der Janitscharen.
2) Die Instrumente der Janitscharen:
a) Unter "Janitscharen Musik= türkische Musik" verstehen wir nicht einen musikalischen Stil oder eine Form, sondern die Blasmusikkapelle der Janitscharen, die sich vor allem durch die Verwendung der Perkussionsinstrumente wie "große türkische Trommel, Schellenbaum und Triangel" kennzeichnet.
b) Diese Instrumente wurden durch die zweite Wienbelagerung in Europa bekannt. Nach der 2. Wienbelagerung wurde die Janitscharen- Musik= Türkische- Musik in Europa zur Mode.
c) Ab dem 18. Jahrhundert wurde das Instrumentarium erst von der europäischen Militärmusik übernommen.
3) Die Musik der Janitscharen:
Da die Janitscharen Musik= Türkische Musik nicht aufgeschrieben wurde, wissen wir nichts über die Musik der Janitscharen.
Die Türkei-Externe Forschung
Es ist nicht reiner Zufall, dass das Interesse der europäischen Wissenschafter auf die Janitscharen und ihre Musik zu Zeiten des II. Weltkrieges aufkam.
Spätestens seit dem, mit der höchstpersönlichen Einführung durch den Ministerpräsident und Generalfeldmarschall Göring, erschienenen Buch von Panoff, Militärmusik in Geschichte und Gegenwart, Berlin, 1938, wurde die Musik der Mihterchane (1), im Begriffschatz der "modernen" Musikwissenschaft als "Janitscharenmusik" eingegliedert.
"Die Elitetruppen unter den türkischen Kriegern - die Janitscharen- hatten wohl die am besten ausgerüsteten Musikkapellen, sie waren auch große Meister der Geräuschrhythmik." Panoff, 1938, S. 71, A26413B
Die auf wenigen, hauptsächlich sekundären Quellen basierende Arbeit Panoffs ist ein Flickwerk.
Prompt kam die Antwort der Alliierten:
1941 schrieb Henry George Farmer "Oriental Influences on Occidental Military Music". Farmer, 1941
Ab daher beschäftigte sich Farmer sehr ernsthaft mit diesem Thema und veröffentlichte darüber eine Reihe von Büchern und Artikeln.
Er liefert uns viele wertvolle Informationen. Jedoch ist seine Arbeit in sich sehr widersprüchlich und scheitert hauptsächlich an seiner mangelnden Kenntnis der orientalischen Sprachen.
Scheinbar schrieben alle TR (=Republik der Türkei)- externen AutorInnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert von Panoff und Farmer ab.
Teil- oder Gesamtinhalten der oben ernannten 3 Punkte werden wir im Laufe dieser Studie in der gesamten musikwissenschaftlichen Literatur des vergangenen Jahrhunderts über die Janitscharen- bzw. türkische- Musik und die -Kapelle begegnen.
Zumindest die bekanntesten Werke dieser Literatur werden unter den betreffenden Kapiteln erwähnt und kritisiert.

Hier werde ich mich aus Platzgründen mit zwei Beispielen aus Quellen des "Allgemeinwissens" begnügen:
Das große Wörterbuch der Musik
"Janissary-, Janizary-muslc, Turkish music (engl.) : Janitscharenmusik.
Janitscharenmusik, Türkische Musik: die Feldmusik (Kriegsmusik) der Janitscharen (= alttürk. Infanteriekerntruppe) mit dem ihr eigenen Schlaginstrumentarium: Große und Kleine Trommel, Becken, Tamburin, Triangel und Schellenbaum, das im 18. Jh. zunächst als Erweiterung der Harmoniemusik in die europ. Militärmusik und dann auch in die Kunstmusik übernommen wurde." Hirsch, 1996, s. 223, A161B
Der Große Brockhaus
"Janitscharen-Musik, Türkische Musik, Feldmusik der Janitscharen; charakterist. Instrumente waren:
Trommeln, Becken, Tamburin, Triangel, Schellenbaum u. a. In die Kunstmusik kam die J.M. durch die >Türkenopern< wie Glucks >Die Pilger von Mekka< (1764), >Iphigenie in Tauris< (1779) und Mozarts> Entführung aus dem Serail< (1781/82); oft durch die Bezeichnung >alla turca< bes. gekennzeichnet." Brockhaus, F. A., 1983, Bd. 10, S. 381, B180B
Ein Modebegriff zu Zeiten der Wiener Klassik
Tatsächlich gab es in Europa eine musikalische Mode des 18. Jahrhunderts, welche vor allem im deutschsprachigen Raum als Türkische-, bzw. Janitscharen- Musik genannt wurde.
Abgesehen von manchen Einflüssen der osmanischen Feldmusik - eher Inspirationen daraus-, hat diese Mode weder mit den "Janitscharen", noch mit den "Türken" etwas zu tun.
Unter anderem mit dieser "Musik" werden wir uns im 3. Buch dieser Reihe näher beschäftigen.
Erst im 20 Jh. wurde der Begriff "Janitscharen-Musik= Türkische- Musik" von den MusikwissenschafterInnen "wörtlich" verstanden und fehl gedeutet.
Dagegen ist die tatsächliche Transkulturation zwischen den osmanischen und europäischen Musikkulturen dieser Zeit im letzten Jahrhundert kaum wissenschaftlich untersucht worden.
___________________________
(1) So hieß die vermeintliche "Janitscharenkapelle".