IV. Abschnitt

Der 'Devri Kebir'

in den Pesrev

der Mevlevi, 1.

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von dr. heinz - peter seidel
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start: 22 november 2006, 22 november 2006
Daß im Zeremoniell der Mevlevi das Pesrev im Usul Devri kebir stehen muß, darauf hatten wir in der Einleitung bereits verwiesen. Die Existenz einer augmentierten Form und einer Grundform stellt vor die Frage, die im Thema der Arbeit enthalten ist: welche Form im Pesrev Anwendung finde. Die explizite Unterscheidung zwischen Devri kebir und Muzaaf Devri kebir wird in der Literatur und in den ausgaben selten getroffen, da beide 'Devri kebir' sind und das durch die Tradition bewirkte Vorverständnis die Sicherheit im 'richtigen Gebrauch' der Formen nach sich zieht. Die Folge davon ist, daß Überlegungen zu einer den jeweiligen musikalischen Sachverhalten adäquaten Notation vernachlässigt werden. Im Falle des Muzaaf Devri kebir hatte die 'Verdoppelung' des Usul sich in der Verdoppelung der Zählzeit ('14/2') gegenüber der Vorzeichnung des Devri kebir ('14/4') niedergeschlagen, obschon das rhythmische Muster trotzdem falsch bemessen war. Der Devri kebir läßt sich nun - ob augmentiert oder nicht stets in vierzehn Abschnitte von gleicher Dauer teilen und demzufolge als 14/4 oder 14/2 darstellen, beziehungsweise als 28/4, wenn für beide Muster die Zählzeit beibehalten werden soll. Die Übersetzung dieses Sachverhaltes in die Vorzeichnung kann, wie wir gesehen haben, zu falscher Darstellung führen, wenn die Vorzeichnung außer ihrer Funktion als Maßangabe noch andere Informationen (: Interpretation des 'muzaaf') zu speichern hat. Oder die Vorzeichnung, wenn durch sie der Usul richtig bemessen ist, reicht tatsächlich aus, die augmentierte Form oder ihre Grundform zu kennzeichnen. Thibaut (1906, Tabelle: 2,3) und Yekta (1922, Tabelle: 4,5) verzeichnen den Devri kebir jeweils zweimal und unterscheiden zwischen "1e forme" und "2e forme". Bei Thibaut ist die 'erste form' das Beispiel 3) der Tabelle und hat die Vorzeichnung 28/4; Yekta benennt als 'erste Form' das Beispiel 4) der inbelle mit der Vorzeichnung 14/4.
 
Die 'zweite Form' bei Thibaut (Tabelle: 2) schreibt '14/4', bei Yekta (Tabelle: 5) '14/2'. Die vorrangige Benennung einer ersten oder zweiten Form ist ohne Belang; entscheidend ist, daß ein Anlaß bestanden haben muß, einen Usul und seine augmentierte Form mitzuteilen, wenngleich diese Spezifizierung weder bei Thibaut noch bei Yekta namhaft gemacht wird. Anlaß ist zweifellos das Vorhandensein beider Arten gewesen; da beide aber 'Devri kebir' sind, wurde eine Unterscheidung offenbar nicht wichtig oder sie sollte aus den überlieferten Kompositionen eindeutig hervorgehen.
 
Doch auch die Art der Aufzeichnung der Kompositionen ist abhängig vom Vorverständnis dessen, der aufzeichnet. Die mehr oder minder starke Wirksamkeit der Tradition mündlicher Überlieferung ist gleichsam der Faktor, durch den die 'Breite' der Information in der Aufzeichnung gesteuert wird. 1)
 
So hat im Nihavend Pesrev des Prinzen Kantemir 2) der Devri kebir in Yektas Transkription die Vorzeichnung '14/4'(Tabelle: 6). Ein anderes Pesrev Kantemirs in der Klassikerausgabe 3) hat dagegen die Vorzeichnung '14/2'. Die Entscheidung, ob im zweiten Fall der augmentierte Devri kebir gemeint ist, im ersten hingegen nicht, kann weder von den notierten Kompositionen her, noch aus den verschiedenen Vorzeichnungen getroffen werden. Anders ist es bei den zwei Kompositionen, die Yekta in der Lavignac-Enzyklopädie zu den beiden Formen des Devri kebir mitteilt:
 
"Comme cette forme (= die 'erste Form', Tabelle: 4, Anm. d. Verf.) de Dévri-Québir est exclusivement employée dans les 'Aiin' des derviches tourneurs, le spécimen suivant de ce rythme est naturellement choisi parmi leur musique particuliére: ..." (4)
 
Aus dem Zitat geht nicht hervor, was mit 'Ayin' gemeint sei. Denn zum einen bezeichnet 'Ayin' das gesamte Zeremoniell mit allen darin vorkommenden Musikstücken, zum anderen den aus vier 'Selam' (wörtl.: Gruß) bestehenden und mit Chor und Orchester ausgeführten Teil des Zeremoniells. In dem von Yekta angeführten Beispiel des 'Ayin' ist Text unterlegt; es handelt sich also um einen der vier Selam. Welcher Selam gemeint ist, bleibt bei Yekta offen. Da indessen die Regel lautet, daß der dritte Selam im Devri kebir steht, die übrigen Selam nie, muß das Beispiel der dritte 'Gruß' des 'Ayin' sein. 5) Konzediert man, daß Rauf Yekta mit den 'beiden Formen' des Devri kebir die augmentierte Form (Tabelle: 5, '14/2') und die Grundform (Tabelle: 4,'14/4') mitgeteilt habe, so wäre die 'erste' Form ('14/4'), also der Devri kebir und nicht der Muzaaf Devri kebir, im dritten Selam des Ayin anzuwenden. Entsprechend ist zu vermuten, daß der 'augmentierte' Devri kebir (14/2, Tabelle: 5) im zweiten Beispiel Yektas - einem Pesrev - gemeint ist. 6)
 
Die so rekonstruierte Zuweisung für beide Devri kebir wird durchlässig wiederum beim Vergleich mit 'der Komposition' für das gesamte Zeremoniell vom Komponisten Rauf Yekta in der Klassikerausgabe. 7) Das Pesrev dort (Nr. 325) hat die Vorzeichnung '28/4'. Der Devri kebir ist, wie in den meisten der in der Klassikerausgabe vorhandenen Stücken, unter den Beginn der Komposition einmal notiert. Und zwar ist er hier identisch mit Beispiel 5) der Tabelle, also der "2e forme" (14/2) Yektas. Vor dem notierten Usul steht lediglich der Name 'Devri kebir'; die Vorzeichnung '28/4' steht im Notensystem. Wenn der augmentierte Devri kebir hier gemeint ist, drückt die Vorzeichnung den Bezug zur Grundform und die beiden gemeinsame Zählzeit (1/4) aus. Interessant ist nun die Vorzeichnung im dritten Selam des Ayin im gleichen Zeremoniell. Hier steht im Notensystem lediglich '28/4'. Der Usul selbst ist - zweifellos aus Gründen der Ökonomie - nicht notiert. Die Vorzeichnung '28/4' bezieht sich, da abgesehen vom dritten Selam des Ayin der Devri kebir ausschließlich im Pesrev noch stehen kann, auf dieses Pesrev, und die Chiffre '28/4' besagt nur, daß im dritten Selam 'Devri kebir' zugrunde liege; der Unterschied zwischen Usul und seiner augmentierten Form ist unkenntlich gemacht. Der 'ökonomischen' Notation fallen Klarheit und Eindeutigkeit der Aussage zum Opfer: ein Vorgang, dessen Etwicklung man in den aufeinander folgenden Heften der Klassikerausgabe geradezu chronologisch nachweisen kann.
 
Eindeutig und vollständig notiert sind die Usul in Heft 6 der Klassikerausgabe, mit welchem die Reihe der Ay in der Mevlevi beginnt. 8) Die im I. Abschnitt behandelten Schlaganweisungen und die Beispiele 8) und 19) entstammen dem nämlichen Heft, in dem - exemplarisch zur Eröffnung der Serie - neben einigen anderen Usul der 'Devri kebir' und in Unterscheidung dazu der 'Muzaaf Devri kebir' ausdrücklich in ihrer Form als 'velvele' mitgeteilt sind. Auf Seite 302 des Heftes ist der Muzaaf Devri kebir in seiner Beziehung zu 'Asli zarplar', also dem Sektionsgerüst des Usul vorgestellt worden (vgl. NB 14). Ein Durchgang dieses ganzen rhythmischen Musters ist im Pencgah-Pesrev des ersten Ayin (Heft 6, S. 262, Nr. 210) unter den Beginn der Komposition notiert und im Notensystem als '14/2' (!) vorgezeichnet; über dem System aber ist mit 'Devri kebir' überschrieben. Im dritten Selam des Ayin im gleichen Zeremoniell ist ebenfalls 'Devri kebir' angegeben; die Vorzeichnung lautet '14/4' und ein Durchgang der Grundform des Devri kebir (Tabelle:8) ist mit dem Anfang des Stückes notiert. Das heißt: im Pesrev wäre entweder das Wort 'Muzaaf' zu ergänzen oder die Verwendung des augmentierten Devri kebir gilt für die Pesrev als selbstverständlich! Daß in den späteren Ayin in der Klassikerausgabe durch 'ökonomische' Schreibweise und durch die nicht einheitliche Verwendung der Vorzeichnungen 14/4, 14/2 und 28/4 der Sachverhalt verwischt wird, haben wir exemplarisch versucht zu zeigen.
 
Die unklare Notation für 'Devri kebir' hat indessen noch andere Auswirkungen. Wie ein Komponist 'in einem Makam' schreibt, so komponiert er ebenfalls 'in einem Usul'. Das bedeutet, daß die Komposition von vornherein auf bestimmte Weise bemessen ist. In der Notenschrift der Klassikerausgabe, die 'abendländisch' notiert, verschwindet in den meisten Fällen diese Abmessung der Kompositionen nach rhythmischen Mustern (Usul). Hier werden Usul und 'Stimme' dergestalt notiert, daß 'Taktstriche' (----) und Gliederungsstriche (.....) die Komposition in 'überschaubare' Abschnitte teilen. In der Musikpraxis ist der Vorteil der Überschaubarkeit recht wirkungslos, denn in der Regel wird aus dem Gedächtnis, also auswendig musiziert. Abzuwarten bleibt allerdings, welche Modifikationen eintreten, wenn die klassische türkische Musik einmal nur noch 'vom Blatt' reproduziert werden kann.