| Daß
im Zeremoniell der Mevlevi das Pesrev im Usul Devri kebir stehen muß,
darauf hatten wir in der Einleitung bereits verwiesen. Die Existenz einer
augmentierten Form und einer Grundform stellt vor die Frage, die im Thema
der Arbeit enthalten ist: welche Form im Pesrev Anwendung finde. Die explizite
Unterscheidung zwischen Devri kebir und Muzaaf Devri kebir wird in der Literatur
und in den ausgaben selten getroffen, da beide 'Devri kebir' sind und das
durch die Tradition bewirkte Vorverständnis die Sicherheit im 'richtigen
Gebrauch' der Formen nach sich zieht. Die Folge davon ist, daß Überlegungen
zu einer den jeweiligen musikalischen Sachverhalten adäquaten Notation
vernachlässigt werden. Im Falle des Muzaaf Devri kebir hatte die 'Verdoppelung'
des Usul sich in der Verdoppelung der Zählzeit ('14/2') gegenüber
der Vorzeichnung des Devri kebir ('14/4') niedergeschlagen, obschon das
rhythmische Muster trotzdem falsch bemessen war. Der Devri kebir läßt
sich nun - ob augmentiert oder nicht stets in vierzehn Abschnitte von gleicher
Dauer teilen und demzufolge als 14/4 oder 14/2 darstellen, beziehungsweise
als 28/4, wenn für beide Muster die Zählzeit beibehalten werden
soll. Die Übersetzung dieses Sachverhaltes in die Vorzeichnung kann,
wie wir gesehen haben, zu falscher Darstellung führen, wenn die Vorzeichnung
außer ihrer Funktion als Maßangabe noch andere Informationen
(: Interpretation des 'muzaaf') zu speichern hat. Oder die Vorzeichnung,
wenn durch sie der Usul richtig bemessen ist, reicht tatsächlich aus,
die augmentierte Form oder ihre Grundform zu kennzeichnen. Thibaut (1906,
Tabelle: 2,3) und Yekta (1922, Tabelle: 4,5) verzeichnen den Devri kebir
jeweils zweimal und unterscheiden zwischen "1e forme" und "2e
forme". Bei Thibaut ist die 'erste form' das Beispiel 3) der Tabelle
und hat die Vorzeichnung 28/4; Yekta benennt als 'erste Form' das Beispiel
4) der inbelle mit der Vorzeichnung 14/4. |
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| Die
'zweite Form' bei Thibaut (Tabelle: 2) schreibt '14/4', bei Yekta (Tabelle:
5) '14/2'. Die vorrangige Benennung einer ersten oder zweiten Form ist ohne
Belang; entscheidend ist, daß ein Anlaß bestanden haben muß,
einen Usul und seine augmentierte Form mitzuteilen, wenngleich diese Spezifizierung
weder bei Thibaut noch bei Yekta namhaft gemacht wird. Anlaß ist zweifellos
das Vorhandensein beider Arten gewesen; da beide aber 'Devri kebir' sind,
wurde eine Unterscheidung offenbar nicht wichtig oder sie sollte aus den
überlieferten Kompositionen eindeutig hervorgehen. |
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| Doch
auch die Art der Aufzeichnung der Kompositionen ist abhängig vom Vorverständnis
dessen, der aufzeichnet. Die mehr oder minder starke Wirksamkeit der Tradition
mündlicher Überlieferung ist gleichsam der Faktor, durch den die
'Breite' der Information in der Aufzeichnung gesteuert wird. 1) |
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| So
hat im Nihavend Pesrev des Prinzen Kantemir 2)
der Devri kebir in Yektas Transkription die Vorzeichnung '14/4'(Tabelle:
6). Ein anderes Pesrev Kantemirs in der Klassikerausgabe 3)
hat dagegen die Vorzeichnung '14/2'. Die Entscheidung, ob im zweiten Fall
der augmentierte Devri kebir gemeint ist, im ersten hingegen nicht, kann
weder von den notierten Kompositionen her, noch aus den verschiedenen Vorzeichnungen
getroffen werden. Anders ist es bei den zwei Kompositionen, die Yekta in
der Lavignac-Enzyklopädie zu den beiden Formen des Devri kebir mitteilt: |
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| "Comme
cette forme
(= die 'erste Form', Tabelle: 4, Anm. d. Verf.) de
Dévri-Québir est exclusivement employée dans les 'Aiin'
des derviches tourneurs, le spécimen suivant de ce rythme est naturellement
choisi parmi leur musique particuliére: ..." (4) |
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| Aus
dem Zitat geht nicht hervor, was mit 'Ayin' gemeint sei. Denn zum einen
bezeichnet 'Ayin' das gesamte Zeremoniell mit allen darin vorkommenden Musikstücken,
zum anderen den aus vier 'Selam' (wörtl.: Gruß) bestehenden und
mit Chor und Orchester ausgeführten Teil des Zeremoniells. In dem von
Yekta angeführten Beispiel des 'Ayin' ist Text unterlegt; es handelt
sich also um einen der vier Selam. Welcher Selam gemeint ist, bleibt bei
Yekta offen. Da indessen die Regel lautet, daß der dritte Selam im
Devri kebir steht, die übrigen Selam nie, muß das Beispiel der
dritte 'Gruß' des 'Ayin' sein. 5)
Konzediert man, daß Rauf Yekta mit den 'beiden Formen' des Devri kebir
die augmentierte Form (Tabelle: 5, '14/2') und die Grundform (Tabelle: 4,'14/4')
mitgeteilt habe, so wäre die 'erste' Form ('14/4'), also der Devri
kebir und nicht der Muzaaf Devri kebir, im dritten Selam des Ayin anzuwenden.
Entsprechend ist zu vermuten, daß der 'augmentierte' Devri kebir (14/2,
Tabelle: 5) im zweiten Beispiel Yektas - einem Pesrev - gemeint ist.
6) |
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| Die
so rekonstruierte Zuweisung für beide Devri kebir wird durchlässig
wiederum beim Vergleich mit 'der Komposition' für das gesamte Zeremoniell
vom Komponisten Rauf Yekta in der Klassikerausgabe. 7)
Das Pesrev dort (Nr. 325) hat die Vorzeichnung '28/4'. Der Devri kebir ist,
wie in den meisten der in der Klassikerausgabe vorhandenen Stücken,
unter den Beginn der Komposition einmal notiert. Und zwar ist er hier identisch
mit Beispiel 5) der Tabelle, also der "2e forme" (14/2) Yektas.
Vor dem notierten Usul steht lediglich der Name 'Devri kebir'; die Vorzeichnung
'28/4' steht im Notensystem. Wenn der augmentierte Devri kebir hier gemeint
ist, drückt die Vorzeichnung den Bezug zur Grundform und die beiden
gemeinsame Zählzeit (1/4) aus. Interessant ist nun die Vorzeichnung
im dritten Selam des Ayin im gleichen Zeremoniell. Hier steht im Notensystem
lediglich '28/4'. Der Usul selbst ist - zweifellos aus Gründen der
Ökonomie - nicht notiert. Die Vorzeichnung '28/4' bezieht sich, da
abgesehen vom dritten Selam des Ayin der Devri kebir ausschließlich
im Pesrev noch stehen kann, auf dieses Pesrev, und die Chiffre '28/4' besagt
nur, daß im dritten Selam 'Devri kebir' zugrunde liege; der Unterschied
zwischen Usul und seiner augmentierten Form ist unkenntlich gemacht. Der
'ökonomischen' Notation fallen Klarheit und Eindeutigkeit der Aussage
zum Opfer: ein Vorgang, dessen Etwicklung man in den aufeinander folgenden
Heften der Klassikerausgabe geradezu chronologisch nachweisen kann. |
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| Eindeutig
und vollständig notiert sind die Usul in Heft 6 der Klassikerausgabe,
mit welchem die Reihe der Ay in der Mevlevi beginnt. 8)
Die im I. Abschnitt behandelten Schlaganweisungen und die Beispiele 8) und
19) entstammen dem nämlichen Heft, in dem - exemplarisch zur Eröffnung
der Serie - neben einigen anderen Usul der 'Devri kebir' und in Unterscheidung
dazu der 'Muzaaf Devri kebir' ausdrücklich in ihrer Form als 'velvele'
mitgeteilt sind. Auf Seite 302 des Heftes ist der Muzaaf Devri kebir in
seiner Beziehung zu 'Asli zarplar', also dem Sektionsgerüst des Usul
vorgestellt worden (vgl. NB 14). Ein Durchgang dieses ganzen rhythmischen
Musters ist im Pencgah-Pesrev des ersten Ayin (Heft 6, S. 262, Nr. 210)
unter den Beginn der Komposition notiert und im Notensystem als '14/2' (!)
vorgezeichnet; über dem System aber ist mit 'Devri kebir' überschrieben.
Im dritten Selam des Ayin im gleichen Zeremoniell ist ebenfalls 'Devri kebir'
angegeben; die Vorzeichnung lautet '14/4' und ein Durchgang der Grundform
des Devri kebir (Tabelle:8) ist mit dem Anfang des Stückes notiert.
Das heißt: im Pesrev wäre entweder das Wort 'Muzaaf' zu ergänzen
oder die Verwendung des augmentierten Devri kebir gilt für die Pesrev
als selbstverständlich! Daß in den späteren Ayin in der
Klassikerausgabe durch 'ökonomische' Schreibweise und durch die nicht
einheitliche Verwendung der Vorzeichnungen 14/4, 14/2 und 28/4 der Sachverhalt
verwischt wird, haben wir exemplarisch versucht zu zeigen. |
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| Die
unklare Notation für 'Devri kebir' hat indessen noch andere Auswirkungen.
Wie ein Komponist 'in einem Makam' schreibt, so komponiert er ebenfalls
'in einem Usul'. Das bedeutet, daß die Komposition von vornherein
auf bestimmte Weise bemessen ist. In der Notenschrift der Klassikerausgabe,
die 'abendländisch' notiert, verschwindet in den meisten Fällen
diese Abmessung der Kompositionen nach rhythmischen Mustern (Usul). Hier
werden Usul und 'Stimme' dergestalt notiert, daß 'Taktstriche' (----)
und Gliederungsstriche (.....) die Komposition in 'überschaubare' Abschnitte
teilen. In der Musikpraxis ist der Vorteil der Überschaubarkeit recht
wirkungslos, denn in der Regel wird aus dem Gedächtnis, also auswendig
musiziert. Abzuwarten bleibt allerdings, welche Modifikationen eintreten,
wenn die klassische türkische Musik einmal nur noch 'vom Blatt' reproduziert
werden kann. |