III. Abschnitt

Das Problem des

'velvele' und der

Muzaaf Devri Kebir, 1.

inhalt
von dr. heinz - peter seidel
ihre meinung/ fragen zu dieser seite? (forum)
kontakt
home
newsletter
start: 13 november 2006, up-date: 13 november 2006
Im vorigen Abschnitt hatten wir die Frage nach dem 'velvele' aufgeschoben, um den Gang der Untersuchung nicht mit einem zusätzlichen Problem zu befrachten, das gesondert besprochen werden kann. 'Velvele' heißt: 'Lärm', 'Getöse'; auch:'das laute Geschrei (1) und bezeichnet das 'Ausfüllen', 'Ornamentieren', 'in Unterteilungsschläge Gliedern' des Sektionsgerüstes eines Usul. Freilich sind 'Lärm' und 'Getöse' nicht als akustische Störfaktoren zu verstehen; dies würde der immer wieder bezeugten 'Schönheit' und 'Harmonie' der Usul gänzlich widersprechen. Vielmehr mag hinter dem Begriff das Bild des Kudüm-Spielers stehen, der umso deutlicher vernehmbar ist, je mehr er einen Usul durch Unterteilungsschläge ausfüllt. Dichterisches und Bildhaftes eignet häufig den Begriffen aus der türkischen Musikpraxis (2) ; die Schwierigkeit einer Definition solcher Begriffe ist evident.
Die uns bislang bekannten Angaben über das 'velvele' sind spärlich und sagen kaum mehr aus, als daß die ästhetische Wirkung der Usul erhöht werde, wenn sie nach der Vorschrift des 'velvele' geschlagen werden. Haydar Sanal bemerkt, obschon der Begriff bei ihm häufiger auftaucht, lediglich in einer Fußnote (3) über das 'velvele', daß es bedeute, rhythmische Werte in kleinere Zeiten zu teilen und die so erhaltenen rhythmischen Werte 'in dieser neuen Ordnung' ("yeni bir tertipte") auf der Kudüm zu schlagen. Es sei durch das 'velvele' eine 'neue Form' ("yeni bir kalip") geschaffen, die namentlich bei den Kudüm-Spielern im Ensemble der Mevlevi beliebt war. Problematisch ist hier der Begriff der 'Form'. Aber offenbar ist damit nichts anderes gemeint, als derselbe Usul in seiner, wie wir im II. Abschnitt gesagt haben: 'ausnotierten Lesart' im Gegensatz zum Sektionsgerüst.
 
Suphi Ezgi (4) konzediert zwar, daß durch das 'velvele' Vokal wie Instrumentalwerke noch schöner werden, ist aber der Meinung, das 'velvele' sei beliebig anwendbar und gehöre nicht eigentlich zum Charakter ("hüviyet") und zur Struktur ("bünye") eines Usul. Wenig mehr erfährt man aus der Klassikerausgabe (5), wo sich die Ausführungen dezidiert auf die Musik der Mevlevi beziehen. Weder sei klar, ob die nach dem 'velvele' eingerichteten Rhythmen von einem Meister oder zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Meistern geschaffen wurden. Aber jene 'velvele' genannte Art der 'Ornamentierung ("tezyinat") bewirke'sehr geordnete' ("gayet muntazam") rhythmische Phrasen ("ikai ibareler; Phrases rythmiques"). Dennoch seien diese rhythmischen Phrasen 'ohne Pomp' ("tantanasiz"). Vielmehr haben die Kudüm-Spieler mit der Verwendung so gestalteter Rhythmen in den Zeremoniellen 'einen großen Geschmack' ("büyük bir zevki selim") unter Beweis gestellt; die gute Auswahl der 'Ornamente' habe die Harmonie zwischen der 'Grundform' eines Usul (Asli zarplar) und ihres 'velvele' nie gestört, sondern lebendiger gemacht. Zu den Beispielen, die in der Klassikerausgabe für das 'velvele' gegeben werden, gehören auch die beiden Lesarten des Devri kebir mit den Ziffern 8) und 9) in der Tabelle und die bereits im I. Abschnitt vorgestellten Spielanweisungen.
 
Die äußerste Vorsicht, die bei Vorlage solch geringfügiger Auskünfte obwalten muß, verhindert den blinden Einbruch einer Interpretation in einen Sachverhalt, der als bloß bildhafte Umschreibung ('velvele') artikuliert ist. Dennoch ist das 'velvele' sozusagen in 'praktischem Gebrauch', Teil der Musikpraxis. Bekannt ist es mindestens seit dem 17. Jahrhundert (6) und dürfte in jenen Vorgang der Überlieferung gehören, den Gültekin Oransay als den 'Brauch des Geheimnishütens' umreißt. (7)
 
Als verbindlich können wir den Angaben über das 'velvele' zwei Momente entnehmen:
 
1. Das 'velvele' vermittelt einen ästhetischen Wert in der Musikanschauung.
 
2. Es bezeichnet für die Realisation der Usul im weitesten Sinne eine Technik, durch welche das Gerüst eines Usul in kleinere Zeitwerte gegliedert wird.
 
Das ästhetische Moment läßt sich schwer spezifizieren; unmittelbar gebunden an eine besondere Technik in der Musizierpraxis unterstreicht es indessen die Bedeutung dieser Technik und der daraus resultierenden Wirkung. Es ist kaum zu vermuten, daß diese Technik, wie bei Suphi Ezgi anklingt, ein 'ad libitum' im Sinne freier Ausgestaltung darstellt, die ihre Grenzen lediglich in der bemessenen Dauer eines Usul hat; zumal in religiöser Musik, welche in extremem Maße determinierenden Faktoren untersteht.
 
Die Informationen, nach denen das musikalische Material so und nicht anders konstituiert ist, sind an diesem Material selber abzufragen.
Evident scheint zu sein, daß man beim 'velvele' vom Sektionsgerüst des Usul auszugehen hat. Wir haben gesehen, daß der kürzeste Ausdruck für den Devri kebir mit nur drei Bezeichnungen: 'düm', 'tek' und 'teke' beziehungsweise 'teka' wiederzugeben ist, wobei diese Bezeichnungen nur die Sektionen angeben. Das 'tahek', selbst Sektion, ist aber als 'essentielles tek' im einfachsten Falle als 't' darstellbar (Tabelle: 4, 5). Wenn bei Öztuna unter beiden Beispielen des Devri kebir (Tabelle: 10, 11) im Original eingeklammert "velvelesiz", das heißt: "ohne velvele", vermerkt ist, so stellen sich verschiedene Fragen. Denn im ersten Beispiel (Tabelle: 10) sind, verglichen mit dem 'Asli zarplar' (Tabelle: 1) die Distanzen 4 - 5 und 13 - 14 schon in kleinere Zeitwerte aufgeteilt; im zweiten Beispiel Öztunas trifft dies hingegen nur auf die letzten beiden Distanzen zu (Tabelle: 11). Das kann heißen, daß der Autor irrt, was nicht ausgeschlossen und dennoch nur mit einem 'hohen' Wahrscheinlichkeitsgrad zu belegen, kaum aber zu beweisen wäre. Im Falle eines Irrtums wäre in den Beispielen Öztunas das 'velvele' jedenfalls zum Teil wirksam. Es kann aber auch heißen, daß der Devri kebir auch mit einigen wenigen Unterteilungsschlägen noch als Usul gilt, in welchem das 'velvele' als nicht wirksam und damit als nicht existent angesehen wird. So aber würde das Außergewöhnliche, Außerordentliche des 'velvele' entschieden unterstrichen, ohne daß man in Bezug auf den religiösen Kontext wiederum sich zu nicht nachprüfbaren Konstruktionen versteigen müßte.
 
Eine Entscheidung, in welchem Augenblick ein geschlagener Usul als 'velvele' gilt, ist kaum zu treffen, weil bisher dafür die
historischen Belege fehlen. Sicher ist unterdessen, daß die beiden Beispiele 8) und 9) der Tabelle 'velvele' sind. Die obige Frage stellt sich auch nur bei den anderen Beispielen der Tabelle, von denen nirgendwo gesagt ist, ob sie tatsächlich so geschlagen worden und ob sie 'velvele' sind.
 

Diese Schwierigkeit wird deutlich an einer Fußnote Rauf Yektas:
"Mon ami le R.P. Thibaut a décrit ce rythme (Dévri-Kébir) d'une autre façon dans son interéssant article sur la musique des 'Mevlévis' inséré au n° 9 (septembre 1902), p. 138, de la 'Revue musicale'. En effet, la transcription est conforme á l'etat actuel de ce rythme tel qu'il est en usage aujourd'hui chez les musiciens turcs; cependant lorsque le prince D. Cantemir a composé ce 'Péchrev', le rythme en question se battait d'aprés notre transcription. En les comparant, an voit que l'ancienne forme 14/4 a été doublée en 28/4, et pour remplir les intervalles restés trop vides an a ajouté des ornements rythmiques." (8)
 
Das Beispiel des Devri kebir, welches Yekta vom Prinzen Kantemir mitteilt, ist das Beispiel 6) der Tabelle; das, worauf er sich bei Thibaut bezieht, ist Beispiel 7) der Tabelle. Yektas Lesart ist eine Transkription der Notenschrift Kantemirs; was 'transcription' für das von Thibaut mitgeteilte Beispiel bedeutet, ist bei diesem selbst auch nicht angegeben. Thibaut's Lesart (Tabelle: 7) unterscheidet sich von der Yektas (Tabelle: 6) lediglich in der Sektion 'düm', Distanz 4 - 5. Yekta bezeichnet die ganze Lesart dieses Devri kebir als "état actuel" und meint damit die Zeit um 1900. Die "ornements rythmiques" entsprechen zweifellos dem 'velvele', doch zeigt sich unseres Erachtens die unsichere Kenntnis vom 'velvele', wenn die Distanzen 6 - 7, 8 - 9, 11 - 12 (Tabelle: 7) sich in nichts von der Lesart Yektas (Tabelle: 6) unterscheiden, obschon auf sie ebenso zuträfe: "pour remplir les intervalles restés trop vides an a ajouté des ornements rythmiques". In einem weiteren Aufsatz Yektas aus dem gleichen Jahr (1907) (9) verweist dieser in der Frage nach den Rhythmen wieder auf die Arbeit Thibaut's (1906) 10) und die dort verzeichneten Usul, ohne daß die Rede von Unterschieden wäre. Über das 'velvele' bekommen wir auch von daher keine weiteren Aufschlüsse.
 
Wie das Problem des 'velvele' hatten wir den 'Muzaaf Devri kebir' von den Untersuchungen im vergangenen Abschnitt ausgespart.