I. Abschnitt

Das "usul vurmak"

(Usul- Schlagen), 3.

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von dr. heinz - peter seidel
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start: 04 octoberi 2005, up-date: 26 april 2006
Ausgehend vom sprachlichen Nachvollzug der Aktion des Spielers ist die Beschreibung dieser Sektion semantisch unpräzis. Das 'tahek' ist zugleich "note", "battue" und "levé et frappé simultané des deux mains sur les genoux". Erinnern wir uns des Falles der Sektion 'teke', so hätte nach den Darstellungen Thibaut's und Yektas das 'teke' als sukzessives 'düm - tek' so ausgeführt werden müssen: 'düm' = die rechte Hand schlägt die rechte Kudüm (genou); 'tek' = die linke Hand schlägt die linke Kudüm (genou). Dabei war der 'Akzentwert' dieser Sektion (: moins intense) nicht einzuordnen gewesen; erst der Vergleich mit der exakten Spielanweisung der Klassikerausgabe ermöglichte die Zuordnung.
 
Mit der Verwendung des Wortes "note" wird zum ersten Male die Darstellbarkeit der Sektionen als Zeitwerte angerührt. Das wird klarer, wenn Thibaut 1906 über das 'tahek' schreibt:
"Le 'tahek' est un frappé d'une exécution difficile; sa composition est assez complexe et des plus originales. I1 comprend deux parties généralement isochrones: une arsis, soit: un 'tek' battu de la main gauche, suivi d'un 'doum-tek' battu simultanement des deux mains sur les deux genoux."
 
Diese Sektion ist also in zwei zeitlich gleiche Abschnitte unterteilt, wobei der erste Zeitwert als 'tek' (= 'leicht', "une arsis") von der linken Hand geschlagen gilt, ohne daß wir wiederum festlegen wollen, welche der beiden Kudüm damit gemeint ist. Der zweite Zeitwert als Unterteilungswert der Sektion ist in sich als simultanes 'düm - tek' organisiert, so daß, wie auch bei Yekta 1922 zu lesen ist, das 'tahek' mit seinen beiden Unterteilungswerten die Akzentfolge: 'leicht - schwer' darstellt. Als Sektion dagegen gehört das 'tahek' zum Bereich des 'tek'. Diese Angabe findet sich bei Yekta (1922) ausdrücklich vermerkt, doch kommt dort ein weiterer interessanter Aspekt hinzu:
"Le 'tahek' est essentiellement un 'tek'; mais comme ces sortes de tek tiennent lieu de cesure vers la fin des
rythmes turcs, on leur a donné le nom de 'tahek' pour les distinguer des autres tek."
 
Für die Aussage, daß die Bezeichnungen 'düm', 'tek' und so fort Lehr- und Lernmittel sowie Gedächtnisstütze sind, ist wesentlich, daß eine Bezeichnung - die Sektion 'tahek' - ein besonderes Moment im Ablauf eines Usul darstellt, welches auf dessen Vollendung hinweist, bevor er von neuem beginnt. 25)
 
Im Kontext erstaunlich exponiert erscheint bei Helmut Ritter 26) eine lange Fußnote "Zum Verständnis dieses Taktschlagens..." (gemeint ist:'usul vurmak'), welche ein Indiz sein mag für die Wichtigkeit, die die Literatur explizit dem Rhythmus in der türkischen Musik beimißt. Die Ausführungen Ritters dazu sind Wiedergabe dessen, was bei Rauf Yekta geschrieben steht. Übergeht man die nicht richtige Gleichsetzung: 'Usul' ='Takt', so lautet die Erklärung Ritters zum 'tahek':
"Gegen Ende eines komplizierten Gebildes, wie beim Devri kebir, gibt es Fälle, wo man, um das Ende des Taktes hervorzuheben, in eine Note mit tek der linken Hand hineingeht, dann beide Hände aufhebt und mit beiden zugleich nochmals anschlägt. In diesem Falle sagt man tahek."
 
Die wörtliche Übersetzung: "Gegen Ende ..." (bei Yekta: "vers la fin") läßt hier wie dort im ungewissen, an welcher Stelle im Usul das 'tahek', dessen Außergewöhnlichkeit zwar in allen Zitaten genügend hervorgehoben wurde, exakt zu lokalisieren wäre.
 
Ein weiterer Beleg für das 'tahek' lautet bei Jules Rouanet: 27)
"Ainsi qu'on l'a vu par la note de la page 2770, les Arabes pratiquent encore dans les villes un certain nombre de rythmes qui leur viennent des Turcs.
Ces derniers se distinguent par un nouvel élément qui leur est spécial, le - 'takah'(487).
Le 'takah' est frappé moitié avec la main droite, moitié avec la main gauche, soit 'tak - kuh'. Quand les battements du'takah' se trouvent séparés par un silence, il est battu ainsi: 'ta + hak +' . Dans ce cas on frappe le 'ta' avec la main gauche, et le 'hak' avec les deux mains." 28)
 
Für die Sektion 'tahek' ergeben sich hier keine neuen Aspekte, außer, daß wir erfahren, dem türkischen Rhythmus eigne als spezifisches Element das 'teke' ("takah") sowie das 'tahek' ("tahak"). Die Frage nach der "silence" zwischen den "battements du 'takah' ", welche das 'tahak' bewirkt, wäre an anderer Stelle zu klären. Sie führt in die Auseinandersetz.ung mit dem System der Rhythmusdarstellung bei Rouanet, darüber hinaus in die der Verbreitung der türkischen Rhythmen im Sinne historischer Akkulturationsvorgänge. Die Frage nach musikalischen Pausen tangiert unsere Untersuchungen nicht; sie treten im Usul nicht auf.
 

Daß in der Klassikerausgabe das 'tahek' nicht beschrieben ist, verwundert nicht. Die präzisen Spielanweisungen, die dort mitgeteilt sind, reichen aus, das 'tahek' in das Schriftbild eines notierten Usul einfließen zu lassen und umgekehrt es daraus ablesbar zu machen. Das heißt aber, daß die Bezeichnungen und ihre Erklärung, wie sie die Klassikerausgabe liefert, nicht mehr ein 'System' zur 'gedächtnismäßigen Überlieferung' 29) darstellen, sondern nur im Zusammenhang mit der Notenschrift und aus der Notation heraus die
Reproduktion des Notierten ermöglichen. Das darf als ein Moment jenes Prozesses gewertet werden, in welchem Notation im weitesten Sinne die musikalische Überlieferung aus dem bloßen Gedächtnis abzulösen im Begriff ist. 30)
 
Zusammenfassend sind für die Bezeichnungen 'düm', 'tek', 'teke', 'teka' und 'tahek' folgende Aussagen festzuhalten:
 
1. Sie sind Bezeichnungen, die Ausschnitte aus einem beliebigen Usul darstellen und zur Kennzeichnung im weitesten Sinne eines beliebigen Usul dienen.
2. Als Sektionen aus einem Usul gelten sie als Zeitwerte von bislang unbestimmter Dauer.
3. Die Betonungswerte der Sektionen lassen sich schematisch so aufführen:
'schwer'   'leicht'    
Sektion : 'düm' Sektion : 'tek'  
      'teke' 'teka'
      'tahek'  
4. Die Sektionen sind in sich unterteilt.
Den Unterteilungswerten fallen wiederum verschiedene Akzentwerte zu. Es ist gezeigt worden, daß daher eine 'Stufenfolge' von Akzentwerten sich ergibt, die indessen unpräzise bleibt.
 

Dezidiert zu einer Klassifizierung der Akzentwerte zu gelangen wird im weiteren als nicht vorrangig betrachtet. Vielmehr ist zu zeigen, wie 'Usul' als rhythmische Gestalt in der Notation entgegentritt. Speziell wird die Frage nach der rhythmischen Gestalt am Beispiel des Usul 'Devri kebir', wie er in den Peerev der Mevlevi verwendet wird, zu untersuchen sein.