I. Abschnitt

Das "usul vurmak"

(Usul- Schlagen), 2.

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von dr. heinz - peter seidel
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start: 04 octoberi 2005, up-date: 26 april 2006
Die Klassikerausgabe schreibt im ersten Heft, 1934, zwei Formen der Ausführung für das 'tek' vor: bei der ersten Form schlägt die linke Hand die linke Kudüm, bei der zweiten schlagen rechte und linke Hand gleichzeitig die linke Kudüm. Zur Kennzeichnung, welche der beiden Schlagarten jeweils verlangt ist, reicht für die erste Form die Abkürzung 'T' aus; die zweite Form benutzt ebenfalls die Abkürzung 'T', aber zusätzlich ist ihr eine weitere unterlegt: "sa.so.", welche einfach die beiden Worte "sag" (= rechts; die rechte Seite oder Hand) und "sol" (= die linke Seite;links) 24) vertritt.
 
Unter den Bezeichnungen 'düm' und 'tek' lassen sich nunmehr folgende Bedeutungen dingfest machen: 1. Bezogen auf das 'usul vurmak' sind 'düm' und 'tek' Schlag-Anweisungen; 'düm' gilt als 'schwerer Schlag' ("percussion lourd") beziehungsweise als "Hauptschlag" im Gegensatz zu 'tek' als 'leichtem Schlag' beziehungsweise "Nebenschlag". Gleichzeitig sind 'düm' und 'tek' als Glieder eines beliebigen rhythmischen Musters, des ganzen Sachverhaltes 'Usul' mitgemeint. "Schwer" und "Neben-" sowie ihre Oppositionen erweisen sich dabei als qualitative Unterscheidungsmerkmale im Sinne einer Betonungsordnung. Dasselbe wird erzielt durch die Verwendung der Termini 'Thesis' und 'Arsis' in der Verbindung "la thesis ou temps fort" beziehungsweise "l'arsis ou temps faible". Die sprachliche Verbindung gestattet, die Frage nach dem Ursprung des türkischen Rhythmus, die auch hier nicht zu lösen ist, zu umgehen. Denn weder ist "la thesis" durch "temps fort" definiert, noch umgekehrt, was gleichermaßen für ihre Oppositionen gilt. Die nicht eindeutig festgelegte und damit mehrfach mögliche Bedeutung von 'Thesis' (das Senken des Fußes beim Tanz; die 'Länge' zur Beschreibung von Versfüßen in der antiken Metrik; schließlich die seit den spätantiken Grammatikern sich anbahnende Umkehrung der Bedeutung von 'Senkung' als das jetzt unbetonte Verselement) steht dem ebenfalls mehrdeutigen "temps" als im weitesten Sinne 'Zeit' - musikalisch aber auch: 'Tempo', 'Zeitmaß', 'Takt' gegenüber. Die möglichen Bedeutungskombinationen verwischen den historischen Sachverhalt. Der von jener Sicht aus scheinbaren Tendenz zur Vorstellung, der Sachverhalt 'Usul' könne sich mit der Auffassung von 'Taktrhythmik' decken, ist mit Vorsicht zu begegnen.
 
2. Die für das 'tek' leicht lesbare Reihe der Zuordnungen: linke Kudüm = hoher Ton = linke Hand = 'leicht', trifft eindeutig nur - wie gegenteilig beim 'düm' - für die ersten beiden Glieder zu. Die zweite Schlagart des 'tek': 'T' mit unterlegtem 'sa.so.', wie sie die Klassikerausgabe angibt, verlangt ja einen gleichzeitigen Schlag beider Hände auf die linke Kudüm. Nach der Reihe der obenstehenden Zuordnungen läge bereits der widersprüchliche Fall vor, daß der 'leichte' Schlag 'tek' von der 'schweren' rechten Hand mit ausgeführt würde. Auch unterscheidet sich klanglich, ob ein 'leichter' Schlag mit nur einer (der linken) Hand oder mit beiden Händen ausgeführt wird, was eine Abstufung innerhalb des Umkreises 'leicht' nach sich zieht. Dieses Problem tritt deutlicher hervor, wenn man über die weiteren Bezeichnungen 'teke', 'teka' und 'tahek' liest.
 

Bei Thibaut (1902) heißt es:
"Il existe encore deux autres battues de forme identique, dites 'tekké' et 'tekkia'; elles comprennent toutes deux un 'doum' et un 'tek' successifs."
 
Die Bezeichnungen 'teke' und 'teka' gelten als identisch, indem sie sich durch die Schlagfolge 'düm - tek' innerhalb eines wie immer gearteten Zeitraumes ausweisen, spätestens an dieser Stelle aber auch den Beginn der terminologischen Verwirrung preisgeben. Denn offensichtlich unterscheiden sich 'teke' und 'teka' als sukzessives 'düm - tek' von der vorher ermittelten Bedeutung von 'düm' und 'tek', weil 'teke' und 'teka' dem, wie wir sagen wollen: Bereich des 'tek' zugehören, von der Frage der Betonungsordnung her also dem Umkreis 'leicht' meinen. Im Gegensatz zu der geschilderten zweiten Schlagart 'T' mit unterlegtem 'sa.so.', die die Tendenz zur Abstufung des Umkreises 'leicht' zeigte, steht für 'teke' oder 'teka' in der Schlagfolge ein nicht mehr differenziertes und daher verwechselbares 'düm' als Unterteilungsschlag.
 
Die Tatsache, daß 'teke' und 'teka' unterteilt werden, verhindert den Gedanken, daß sie und die anderen Bezeichnungen die 'Bausteine' wären, aus denen sich ein rhythmisches (Schlag-) Muster 'Usul' einfach zusammensetzen ließe - erzwingt dagegen, sie als 'größere' Zeitabschnitte anzusehen, innerhalb derer sich namhaft zu machende Ereignisse abspielen.
 
'Usul' im allgemeinen Sinne ist nichts anderes als organisierte Zeit. Für Ausschnitte daraus, die zu früher bereits erwähnten Zwecken ihren sprachlichen Niederschlag in den Bezeichnungen 'düm', 'tek', 'teke', 'teka', 'tahek' gefunden haben, wollen wir im weiteren den Terminus 'Sektion' verwenden - sprechen also von der Sektion 'düm', der Sektion 'tek' und so fort. Der Gebrauch des Terminus 'Sektion', als Usul-Abschnitt von zunächst unbestimmter Zeit, erlaubt, die in dieser Zeit sich abspielenden Ereignisse unverwechselbar zu beschreiben. In Relation zur fixierten Gestalt 'Usul' hat die Sektion vorläufig neutralen Charakter.
 
Wenn Thibaut 1906 schreibt:
"Le 'tekke', 'tekkia' ou 'tekka' est un doum-tek successif et moins intense.",
so bezieht sich "moins intense" auf das ganze 'teke'. Wir können also sagen: die Sektion 'teke' ist als sukzessives 'düm - tek' strukturiert, wobei die Glieder in der Akzentfolge 'schwer - leicht' erscheinen. Als 'Sektion' von 'geringerem' Intensitätsgrad bleibt allerdings unklar, ob sie sich auf die Sektion 'düm' ('schwer') oder die Sektion 'tek' ('leicht') bezieht.
 
Bei Rauf Yekta (1922) erscheint für die Sektion 'teke' ein zusätzliches Moment. Es heißt dort:
"Le 'tekke', 'tekka', est un dume-tek successif et moins intense; si le dume-tek est assez accelere, il se nomme 't~ke', et s'il est plus lent, 'tekka'. Les täke et tekka sont composes de deux temps dont le premier est fort et le second faible."
 
Das heißt, daß 'teke' und 'teka' in Akzent- und Schlagfolge übereinstimmen und damit auch als relative Zeitwerte identisch sind, bei der klanglichen Realisation jedoch von der Wahl des Tempos abhängen, nach welchem dann die Sektion durch die Wahl der entsprechenden Bezeichnung gekennzeichnet ist.
 
In der Klassikerausgabe ist für die Sektion Iteke' die Schlagart wieder genau festgelegt. Die Abkürzung 'tk' ('Teke' oder 'Tekkâ') ist zerlegt in 't', was besagt, daß die rechte Hand die linke Kudüm schlägt, und in 'k', welches bedeutet, daß die linke Hand die linke Kudüm zu schlagen hat.
 
Rufen wir die Zuordnungen: linke Kudüm = hoher Ton = linke Hand = 'leicht' in Erinnerung und setzen nunmehr die 'Sektionen' in Beziehung zu dieser Reihe, so kann nach allen bisher genannten Schlaganweisungen der Klassikerausgabe festgestellt werden, daß aus der Reihe lediglich das Glied 'linke Hand' herausfällt. Damit aber bekommt die unwägbare Erklärung etwa der Sektion 'teke' als 'battue moins intense' und ihre Unbestimmbarkeit in Beziehung zu den Sektionen 'düm' oder 'tek' auf dem Wege der Rekonstruktion festere Konturen: der rechten Kudüm ist die Sektion 'düm' ='schwer' zugeordnet; der linken Kudüm die Sektion 'tek' _'leicht'. Die Sektion 'teke' gehört dem Bereich des 'tek' an und bildet konsequenterweise mit dieser Sektion die Akzentfolge 'leicht' und 'noch leichter', wobei nur die Wahl des Tempos bei der klanglichen Realisation über die Wahl der Bezeichnung 'teke' oder 'teka' entscheidet. Genau so äußert sich auch die Klassikerausgabe, indem dort erklärend für 'teke' ="kurze Schläge" ("kisa" zarplar) und für 'teka' ="lange Schläge" ("uzun" zarplar) geschrieben steht.
 
Eine Usul-Gestalt bleibt, ob sie in geringerem oder schnellerem Tempo realisiert wird, unverändert. Die Frage des Tempos, für die wir hier im Zusammenhang mit 'Usul' die einzigen Belege mitgeteilt haben, spielt in unseren weiteren Untersuchungen keine Rolle mehr.
 
Es verbleibt, die letzte der Bezeichnungen - 'tahek' - zu beleuchten. Thibaut bemerkt dazu 1902:
"Détail fort curieux, une même note peut recevoir tout ensemble le temps fort et le faible; cette battue exceptionelle se nomme 'tahek' et consiste dans un levé et frappé simultané des deux mains sur les genoux."